"Ich arbeite in einer Genossenschaft"

Benno Karbacher, Angelika Kurz

Vorstandsmitglied und Präsidentin der Sozialgenossenschaft Jule

Seit rund zwei Jahren gibt es die Sozialgenossenschaft Jule mit Sitz in Eppan. Die Mitglieder der Sozialgenossenschaft Jule unterstützen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung und deren Angehörige und erarbeiten individuell angepasste, bereichsübergreifende und unkomplizierte Lösungen. Nicht nur, denn die Genossenschaft bietet auch Weiterbildungen, tiergestützte pädagogische Begleitung, Beratungen, Coaching und Mediation zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten an.

Der Raum, wo derzeit Beratungsgespräche stattfinden, befindet sich in Eppan und wurde von der dahinterliegenden Weinhandlung umsonst zur Verfügung gestellt. "Da bleibt mehr Geld für die wichtigen Dinge", sagt Kurz erfreut. Die Lage abseits des Dorfzentrums mit Parkplätzen davor ist ideal, weil dadurch die Anonymität der Klienten geschützt ist. In der dörflich geprägten Gesellschaft Südtirols ist das nicht selbstverständlich. Karbacher: "Es gibt wirklich viele Leute, die nicht zugeben, dass sie Hilfe brauchen, weil sie nach außen ein perfektes Bild wahren wollen." Anonymität ist da ein hohes Gut.

Angelika Kurz stammt ursprünglich aus Köln, wo sie lange Jahre in der Psychiatrie gearbeitet hat. In Südtirol arbeitet sie freiberuflich und hat viel Erfahrung in ganz unterschiedlichen Bereichen gesammelt. Seit zwei Jahren ist sie auch Sachwalterin. "Durch diese Arbeit habe ich noch intensiver mitbekommen, wie unangenehm es für Betroffene und ihre Familien ist, wenn sie immer wieder ihre Geschichte erzählen müssen, weil die einzelnen Stellen untereinander nicht vernetzt arbeiten", so Kurz. Dem etwas entgegenzusetzen war eine der Überlegungen, die zur Gründung der Sozialgenossenschaft Jule führten.

Keinesfalls sieht sich die Genossenschaft als Konkurrenz zu Bezirksgemeinschaft oder anderen Institutionen. Sie versucht vielmehr zusätzliche Möglichkeiten für Betroffene zu schaffen: "Wir lassen Menschen auch alleine wohnen, wenn es ihnen gut damit geht und probieren Dinge aus, die nicht in öffentlichen Protokollen vorgesehen sind." Als sie festgestellt hatten, dass ein Klient nicht gerne kocht, haben sie für ihn beispielsweise ein Abkommen mit einem Gasthof ausgehandelt.

Jeder hat das Recht einmal hinzufallen

Kurz zufolge muss nicht immer alles klappen: "Selbstverständlich lassen wir Menschen nicht im luftleeren Raum. Wir schauen nach den persönlichen Ressourcen und nicht nach dem Krankheitsbild. Jeder Mensch hat Ressourcen - auch wenn er psychisch krank ist." Die bisherigen Klienten kamen über Mundpropaganda zu Jule. Ein Anruf, ein Erstgespräch, erst dann kann abgeschätzt werden, ob es tatsächlich zur Zusammenarbeit kommt. "Die Chemie, die persönliche Ebene muss stimmen", weiß Benno Karbacher, denn wenn die Beziehungsebene nicht stimmt ist die Zusammenarbeit schwierig.

Finanziert wird die Tätigkeit der Sozialgenossenschaft ausschließlich privat, öffentliche Gelder gibt es bisher keine. Die Mitglieder von Jule versuchen ihre Dienstleistungen über Weiterbildungsmaßnahmen zu finanzieren. Kurz: "Wenn ich beispielsweise für den Sanitätsbetrieb ein Coaching zu Demenz mache, geht ein bestimmter Prozentsatz davon an die Jule." Karbacher ergänzt: "Wir sind nicht gewinnorientiert und wollen in erster Linie die Spesen decken, denn keiner von uns denkt dran Vermögen zu kumulieren. Das wäre ja - sagen wir - antithetisch."

Trotz einiger Schwierigkeiten am Anfang läuft der Betrieb jetzt. Besonders gut kommt der Hof im Vinschgau an. Gabi Hofweber, Motopädagogin, Erzieherin, Erlebnis- und Sexualpädagogin, Bäuerin und ebenfalls Mitglied von Jule - bietet am "Korngütlhof" in Goldrain tiergestützte Arbeit mit Pferden. Ihr Angebot wird auch von vielen Schulen genutzt. Daneben betreut die Genossenschaft zehn Personen im Alter zwischen 28 und 60 Jahren, verteilt auf ganz Südtirol. Um diesen Dienst abzudecken stehen die Mitglieder laufend in Kontakt und besprechen vieles auch mit den Angehörigen: "Eine gute Vorbereitung und eine klare und transparente Kommunikation ist unerlässlich, für uns und für unsere Klienten", sagt Kurz. Sie betont wie wichtig Verlässlichkeit für psychisch kranke Menschen ist: "Sie müssen wissen, dass da jemand im Hintergrund da ist." Über diese Art der Kommunikation können auch persönliche Freiräume geschaffen werden und eine Abgrenzung zum Privatleben der Mitglieder wird möglich.

Die häufigsten Krankheitsbilder mit denen die Mitglieder der Genossenschaft zu tun haben sind Suchterkrankungen in all ihren Ausprägungen (Alkohol, Drogen, Ess-, Sexualstörungen usw.), Depression und Psychosen, die beispielsweise auch auf Drogenkonsum zurückzuführen sind. "Hierzulande wird von beiden Geschlechtern sehr viel Alkohol getrunken, auch relativ jung schon. Vielen ist gar nicht bewusst, was da so alles entstehen kann", weiß Kurz. Hinzu kommt die Tatsache, dass in vielen Familien nicht miteinander kommuniziert wird. "Die Gesprächskultur fehlt", bedauert Karbacher "wenn eine Familien, die unter einem Dach lebt, nicht miteinander spricht, macht das auf die Dauer krank."

Heilung möglich

Menschen, die von der Genossenschaft begleitet werden, finden im optimalen Fall den Weg in ein selbständiges Leben, idealerweise in den eigenen vier Wänden. Dass dies nicht immer einfach ist, liegt jedoch nicht nur an finanziellen Aspekten. Neben den Betroffenen tun sich vielfach auch Südtiroler Mitbürger schwer ihre Wohnung an Menschen mit psychischer Beeinträchtigung zu vermieten. Kurz: "Da merkt man schon, dass es psychisch Kranke in Südtirol nicht so einfach haben, da fehlt noch eine ganze Menge", ist Kurz überzeugt. Inzwischen arbeiten die Mitglieder weiter, pflegen ihre wertvolle, offene Gesprächskultur und bieten allen Menschen oder Systemen, die Unterstützung suchen neue Möglichkeiten. Kurz abschließend: "Von außen kann man Dinge anders beurteilen und oftmals sind es nur ganz kleine Dinge die verändert werden müssen."

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