"Ich arbeite in einer Genossenschaft"

Sigrid Regensberger und Roman Patuzzi

Sozialgenossenschaft VergißMeinNicht

Grenzgänger sind Menschen, die nicht zu den "Behinderten" aber auch nicht zu den "Normalentwickelten" gehören. Im Kindes- und Jugendalter sind sie in den öffentlichen Bildungseinrichtungen integriert, nach Beendigung der Schulzeit und in der Freizeit gibt es keinen geeigneten Platz mehr für sie, da weder eine Behindertenwerkstätte noch eine "normale" Arbeitsstelle den speziellen Bedürfnissen dieser Menschen gerecht werden.

VergissMeinNicht schließt eine Lücke im Sozialsystem

Ein idealer Platz für Grenzgänger ist flexibel und kann sich an die wechselnden Bedürfnisse und individuellen Schwankungen dieser Menschen anpassen. Und genau das bietet die Sozialgenossenschaft VergissMeinNicht und schließt mit diesem speziellen Angebot, die im Sozialsystem noch offene Lücke für "Grenzgänger". Sigrid Regensberger, Vizepräsidentin der Sozialgenossenschaft VergißMeinNicht ist eine der MitbegründerInnen: "Als Mutter einer 22-jährigen Grenzgängerin kenne ich den täglichen Drahtseilakt bei der Tagesplanung für eine Grenzgängerin. Man muss kreativ sein, um so einen Tag zu organisieren. Ein Beispiel: wenn meine Tochter mit Gleichaltrigen zum Tanzen geht, ist das zu schnell für sie, in einer Gruppe mit beeinträchtigten Menschen, geht es ihr zu langsam, da passt sie auch nicht hinein und daher wird sie mit einer Tanzlehrerin alleine tanzen."

Die Nähstube von VergißMeinNicht ist seit November 2015 als Sozialgenossenschaft Typ B (Arbeitseingliederung) in der Brunecker Oberstadt in Betrieb. "Anfang November haben wir begonnen für den Weihnachtsmarkt Ponchos zu produzieren und sind damit gut angekommen; auch mit dem Konzept das dahinter steckt", so Regensberger. Derzeit begleiten 15 freiwillige Helferinnen, zum Teil auch Näherinnen, die Arbeit in der Nähstube. Fix im Team sind neben den Freiwilligen, eine Näherin, zwei Sozialpädagogen und zwei Grenzgänger. Zwei weitere Grenzgänger werden in Kürze dazukommen.

Inklusion: "Mitten drin sein im Leben"

Die Nachfrage an Betreuungsplätzen steigt, auch öffentliche Stellen interessieren sich für das Projekt: "Letzte Woche waren Mitarbeiter vom Sprengel da, haben sich die Näherei angeschaut und waren begeistert. Wir haben mittlerweile schon eine Warteliste. Wir wollen ja Inklusion leben und müssen schauen, wie wir das organisieren." Inklusion beschreibt Regensberger zufolge das "mitten drin sein im Leben" und ist immer dann, wenn der Mensch seinen Platz in der Gesellschaft hat und Teil vom Ganzen ist, egal, ob er oder sie eine Beeinträchtigung hat oder nicht.

Viele Eltern von Grenzgängern stecken in einer Zwickmühle: sie stehen vor der Entscheidung ihre Kinder in eine Gruppe einzugliedern, wo sie nicht dazugehören z.B. weil sie unterfordert sind oder in eine Gruppen zu geben, wo sie überfordert sind. Roman Patuzzi, Diplompsychologe, Trainer und Coach für Lebensbalance und Lebensführung: "Ich habe sehr viele Eltern kennen gelernt, die solche Situationen durchleben und einfach kein Ufer finden für sich und ihre Kinder." Genau dieses Bedürfnis der Eltern und Kinder war der Anlass für die Gruppe um Regensberger um aktiv zu werden: "Grenzgänger haben besondere Schwierigkeiten und zwar jeder für sich eine eigene und genau diese Besonderheit soll in der Arbeitswelt einfließen und berücksichtigt werden", so Patuzzi. "Das heißt wir haben kein neues Pädagogisches Konzept entwickelt, sondern einen pädagogischen Mehrwert geschaffen, der darin besteht, dass wir Inklusion auf einer anderen Art und Weise leben. Grenzgänger bekommen bei uns die Möglichkeit ihre Persönlichkeit mit all ihren Schwierigkeiten in der Arbeitswelt zu leben."

Arbeit bedeutet den Menschen Sinn zu geben

Patuzzi zufolge ist es wichtig, dass diese Menschen arbeiten können, denn Arbeit bedeutet Sinn im Leben. "Solange Grenzgänger in die Schule gehen, ist dieser Gedanke nie vorhanden, sie haben eine Beschäftigung und werden irgendwie immer weitergeschoben. Bricht dieses System irgendwann ab, weil die Jugendlichen altersmäßig oder ausbildungsmäßig ihr Ziel erreicht haben, stehen sie und ihre Familien vor dem Nichts. Ich habe versucht in Zusammenarbeit mit den Menschen, die diese Sozialgenossenschaft führen ein besonders Angebot mit pädagogischem Mehrwert anzubieten.

Die Verwirklichung dieser Idee ist natürlich ist ein langer Weg mit vielen Stolpersteinen und neuen Chancen die sich ergeben", so Patuzzi weiter. "Unser Konzept ist, dass wir keine fertige Ideen haben, sondern wir machen den umgekehrten Weg, wir lassen uns auf die Bedürfnisse der Betroffene ein und schauen was wir bieten können", ergänzt Regensberger.

Das Tätigkeitsfeld für Grenzgänger in Bruneck soll nach und nach erweitert werden. Mit der Eröffnung einer Jugendherberge in Bruneck könnte das Angebot an Arbeitswelten weiter ausgebaut und weiteren Grenzgängern und ihren Familien ein lebenswertes Leben mit Zukunftsperspektive geboten werden. Patuzzis wünscht sich, dass die Idee von VergissMeinNicht weiter wachsen kann, von der Gesellschaft gesehen und von politischen Seite her akzeptiert und unterstützt wird: "..damit eine Idee wachsen kann, braucht es finanzielle Ressourcen, die uns von außen zugetragen werden. Wir brauchen Unterstützung in jeder Sache und Unterstützung von jeder Seite." "Nicht nur, weil ich selber Betroffene bin, sondern für die vielen Familien, wo wir gar nicht wissen wieviel es gibt, da fühle ich eine große Verantwortung unser Projekt weiterzuführen, auch um diesen Menschen Hoffnung zu geben", meint Regensberger abschließend.

Die Sozialgenossenschaft "VergissMeinNicht" unterstützt sogenannte "Grenzgängern", gesellschaftlich benachteiligte Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Arbeiten Sie mit ...

Treten Sie mit uns in Kontakt oder tragen Sie zum Erfolg des Portals bei.

Sie haben Fragen zum Genossenschaftswesen oder Anregungen zum Nachrichtenportal? » mehr

© Raiffeisenverband Südtirol  |  MwSt.-Nr. 00126940212  |  Service Center: 800 031 031