"Ich arbeite in einer Genossenschaft"

Justus Reichl

Leiter der Stabstelle für Genossenschaft - Strategie und Perspektiven im Östereichischen Raiffeisenverband

Justus Reichl, Referent und Leiter der "Stabstelle für Genossenschaft - Strategien und Perspektiven" im Österreichischen Raiffeisenverband (ÖRV),  war 17 Jahre Benediktiner im Benediktinerstift Göttweig in Niederösterreich und ist seit 2014 beim ÖRV. Thomas Hanni von Raiffeisen Nachrichten hat den ehemaligen Mönch in Innsbruck befragt.

Herr Reichl, sie sind nach 17 Jahren bei den Benediktinern in die Raiffeisen-Genossenschaftswelt eingestiegen. Finden Sie sich wieder?

Nun ja, beides sind Organisationen mit Tradition und Stärken. Beide tun sich schwer, den Nutzen ihrer Tätigkeit in die Sprache der heutigen Zeit zu übersetzen und bei beiden Organisationen sind nicht alle Kunden Mitglieder. Ein Ziel für uns Genossenschafter ist es deshalb, unsere Vorzüge so zu kommunizieren, dass sie die Menschen von heute verstehen.

Ist der genossenschaftliche Förderauftrag überhaupt noch zeitgemäß?

Beim genossenschaftlichen Förderauftrag geht es darum, den einzelnen Menschen zu stärken, ihm ein gelungenes Leben zu ermöglichen und ihm das Netz eines sicheren Umfeldes zu bieten. Das kann in den unterschiedlichsten Ausprägungen erfolgen. Die Menschen sind heute sensibel dafür, ob etwas in und für die Region entsteht oder ob man von Großkonzernen quasi fremdbestimmt wird. Der genossenschaftliche Förderauftrag bringt für die Menschen und die Region viele Vorteile und über diese müssen wir viel verständlicher sprechen.

Das heißt, die Genossenschaftsarbeit ist gut, sie wird nur nicht gut genug "verkauft"?

Ja, wir müssen Menschen wieder erreichen und mit ihnen über unsere Grundthemen reden. Unsere Grundbotschaft muss durchdringen. Erst dann kann man darauf aufbauen. Wir müssen es schaffen, dass die Menschen zur Vielfalt unseres Angebotes bewusst sagen: ja, das ist doch eigentlich das, was ich möchte, regionale Wertschöpfung, regionale Mitbestimmung, eine Gemeinschaft vor Ort für den Ort, da mache ich gerne mit.

Viele sprechen heute von einem genossenschaftlichen Förderauftrag 2.0, was ist damit gemeint?

Nun, sagen wir mal in den letzten 20, 30 Jahren, also in einer Zeit wo der Wohlstand immer größer geworden ist, hat man die Förderauftrag vielfach so gelebt, dass man Dinge im Ort mitsubventioniert und dadurch mit ermöglicht hat, da ein Bankerl, dort einen Kirchturm, alles Dinge, die schön waren, aber die der einzelne Mensch in Wirklichkeit nicht wirklich gespürt hat. Jetzt leben wir in Zeiten, wo Not wieder viel spürbarer ist und es mehr darum geht, dass Menschen ihre Zukunft und ihr Schicksal wieder in die Hand nehmen müssen. Der Förderauftrag 2.0 will darin unterstützen. Das heißt wir müssen vermehrt Dinge angehen, die den einzelnen Menschen persönlich betreffen, ihn in seiner weiteren Lebensperspektive und in seinem persönlichen Vorankommen fördern. Menschen wollen angesichts der zunehmenden Globalisierung und Anonymisierung verstärkt gesehen und gebraucht werden. Sie wollen mitgestalten dürfen und verstehen, wofür sie sich einsetzen. Sie wollen einen Sinn in ihrem Beitrag erkennen und Anteil haben. Genau diese Grundbedürfnisse sehe ich im Modell Raiffeisen alle erfüllt! Kein Wunder also wenn derzeit auch andere Bewegungen, auf den Genossenschafts-Zug aufspringen. Sie alle haben eine Chance verdient, aber verstecken brauchen wir uns angesichts dieser Entwicklung sicher nicht. Im Gegenteil: Es ist der beste Beweis für eine langjährige und entsprechend nachhaltige Entwicklung auf breitester Basis. Das soll uns erst einmal jemand nachmachen.

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