"Über die Schulter geschaut"

Reinhard Verdorfer

Geschäftsführer des Vereins Bioland Südtirol

Reinhard Verdorfer, Geschäftsführer des Vereins Bioland Südtirol, freut sich über die zweistelligen Wachstumszahlen der letzten Jahre: "Bildlich gesprochen sind wir gewohnt immer bergaufwärts zu fahren, entsprechend sind wir am strampeln", sagt Verdorfer im Interview. Ihm und seinem sieben-köpfigem Team macht es Spaß in diesem Sektor zu arbeiten. Sie sind von der biologischen Landwirtschaft überzeugt.

Die Anfänge von Bioland Südtirol liegen 27 Jahre zurück: 1991 haben zehn Obstbauern aus Terlan den Verein Bioland gegründet. Zum Obstbau ist in den 90er-Jahren die Viehwirtschaft dazugekommen und nach und nach auch Sonderkulturen wie Wein-, Gemüse-, Ackerbau und die Imkerei: "Mittlerweile kann man die ganze Landwirtschaft biologisch machen", sagt Verdorfer.

Strenge Kriterien für Bioland

Die Kriterien für Bioland sind strenger als die EU-Bio-Richtlinien. Sie garantieren zusätzliche privatrechtliche Standards, die von der unabhängigen Kontrollstelle ABCERT GmbH laufend kontrolliert werden. Der Unterschied zum EU-Bio-Standard zeigt sich zum Beispiel beim Ablauf der betrieblichen Umstellung: im EU-Biobereich darf ein Bauer Äpfel biologisch anbauen und den Wein konventionell. Dies ist bei Bioland nicht erlaubt. Nach spätestens drei Jahren sind die Bauern verpflichtet den gesamten Betrieb biologisch zu bewirtschaften. Dabei wird die ganze Wertschöpfungskette kontrolliert - von der Herstellung (Saatgut und Futtermittel) bis zur Vermarktung der ökologischen Lebensmittel - und sichergestellt, dass kein EU-Biogetreide aus China, Israel oder anderen Ländern zugelassen wird. Diese höhere Wertigkeit ist Verdorfer zufolge auch weniger skandalanfällig.

Bioland: derzeit nur in Deutschland und Südtirol

In Südtirol zählt der Verein mittlerweile 640 Mitglieder und Produzenten, Tendenz zeigend. Zu den 640 Produzenten kommen 25 Vertragspartner aus Südtirol hinzu, welche die bäuerlichen und weiterverarbeiteten Produkte abnehmen und vermarkten, wie die VOG und VI.P, Bio Südtirol und Bio Vinschgau im Obstbereich und der Milchhof Sterzing, Milchhof Meran, die Sennerei Algund und die Psairer Bergkäserei Bio im Milchbereich.

Die rasche Zunahme der Mitgliederzahl in den letzten Jahren war mit ein Grund die Mitgliedschaft im Raiffeisenverband anzustreben. Karl Heinz Weger, Leiter der Start-Up-Beratung im Raiffeisenverband, hat Bioland auf dem Wege der Mitgliedschaft begleitet: "Bioland ist derzeit ein Verein. Sobald der Service für die Mitglieder ausgebaut und mehr Dienstleistungen angeboten werden, rückt der Schritt zur Gründung einer Genossenschaft näher", sagt Weger aus Erfahrung. Ihm zufolge würde eine deutliche Zunahme an Mitgliedern ebenfalls eine rasche Statuten-Änderung einleiten und einen Wechsel der Unternehmensform beschleunigen. Hält das Wachstum an, wird Bioland bereits in den kommenden fünf Jahren die 1000er-Marke bei der Mitgliederanzahl überschreiten, schätzt Weger.

Toni Riegler, Obmann von Bioland Südtirol spricht von einer großen Umbruchsphase, die derzeit in der Südtiroler Landwirtschaft spürbar ist. Immer mehr Bauern drängen auf eine Umstellung auf biologische Landwirtschaft und auch der Markt fordert immer mehr Biolebensmittel. Riegler: "Wir waren bisher ein rein ehrenamtlicher Verein und da wir größer wurden, mussten wir uns jetzt besser aufstellen."Die Verantwortlichen bei Bioland Südtirol wollen trotz der rasanten Entwicklung nichts überstürzen und setzen einen Schritt vor den nächsten. Verdorfer: "Uns ist ein gesundes Wachstum wichtig. In den letzten Jahren waren wir immer bei einem Wachstum zwischen fünf und zehn Prozent und fühlen uns da wohl", so der Geschäftsführer und ergänzt, dass es locker Arbeit für die doppelte Anzahl an Mitarbeitenden gäbe.

Die Biolandvertreter sind davon überzeugt, dass die biologische Landwirtschaft in Südtirol in den kommenden Jahren deutlich und schneller wachsen wird als bisher. Damit rückt ihre Vision Bioland Südtirol immer näher und das Thema Bio wird gesellschaftsfähig.

"Spätestens mit dem "Biokonzept 2025" ist die biologische Landwirtschaft in der Gesellschaftsmitte angekommen und auch vom politischen System akzeptiert", freut sich Verdorfer: "Das war lange nicht so." Für das "Biokonzept 2025" haben die Vertreter von Bioland Südtirol zusammen mit den anderen Bioverbänden, dem Südtiroler Bauernbund, der Landesverwaltung, Schulungs-, Beratungs- und Forschungseinrichtungen einen Maßnahmenkatalog ausgearbeitet, um die biologische Landwirtschaft in Südtirol voranzutreiben. "Wir glauben, dass in den nächsten zehn Jahren auch im Tourismus-Sektor das Thema Bio wichtiger wird. Wir werden uns rüsten und auch in diesem Bereich neue Projekte angehen ohne unsere bestehenden Arbeitsaufgaben zu vernachlässigen", unterstreicht Verdorfer. Er erwartet, dass sich - ähnlich wie in der Landwirtschaft vor 20 Jahren - Bio auch im Tourismus durchsetzen wird. Derzeit gibt es sieben Biohotels in Südtirol, die 100 Prozent der Verpflegung biologisch anbieten. Auch hier eine steigende Tendenz.

Um einen Umstieg in größeren Schritten besser organisieren zu können und auch um die zu erwartenden Mehraufgaben bewältigen zu können wünscht sich Bioland Südtirol eine Art Biohaus für Südtirol, das alle biologisch Wirtschaftenden und die Kontrollstelle zusammenfasst. Damit könnten die Energien und Kapazitäten gebündelt werden und ein Umstieg in größeren Schritten organisiert werden ist Verdorfer überzeugt: "Schließlich gilt es in Zukunft 20, 30 oder sogar 40 Prozent Bio in Südtirol zu verwalten und zu begleiten", so der Geschäftsführer: "Und wenn in Zukunft auch noch ein Landeshauptmann sagen würde: "Bio finde ich toll für Südtirol", würde uns das sehr freuen."

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