Über die Schulter geschaut

Richard Vill und Irene Tomedi

Präsident und Verwaltungsrätin der Genossenschaft Europäische Textilakademie

Richard Vill und Irene Tomedi haben vor rund einem Jahr - zusammen mit anderen ExpertInnen aus der Textilbranche - die Genossenschaft Europäische Textilakademie gegründet und es sich zum Ziel gemacht, das Bewusstsein für das Textilwesen zu schärfen.

Die Welt der Textilien ist weit und spannt sich von der handwerklichen Produktion von Stoffen aus Naturfasern, zu industriell gefertigten Materialien, über die Konservierung von historischen Textilien, bis hin zur Erforschung von neuen Geweben und deren Verwendung. All diese Bereiche sind in der Europäischen Textilakademie vertreten: "Uns geht es um die Förderung des textilen Handwerks und Gewerbes im weitesten Sinne", betont Irene Tomedi aus Bozen. Sie ist eine international anerkannte Koryphäe für historische Textilien und Verwaltungsrätin der neu gegründeten Genossenschaft Europäische Textilakademie.

Richard Vill, Südtiroler Modedesigner, ist der Präsident. Beiden war es wichtig, auch jene ins Boot zu holen, die über Textiles Handwerk schreiben, publizieren oder entsprechende Forschungen betreiben, also "geistige Güter im Bereich Textilien produzieren", wie Vill es im Interview nennt.

Irene Tomedi, Verwaltungsrätin der neu gegründeten Genossenschaft Europäische Textilakademie, ist eine international anerkannte Koryphäe für historische Textilien. Im Bild bei der Konservierung einer historischen Fahne aus dem Bestand des Bozner Domes.

Kompetenzzentrum für Textilien

Mit der Gründung der Europäischen Textilakademie ist ein weitreichendes internationales Netzwerk entstanden, das eine große Vielfalt an Kompetenzen im Textilbereich zusammenschließt. Das macht diese Genossenschaft einzigartig in ganz Europa. Tomedi: "Wir wussten von Anfang an, dass es keinen Sinn macht, so etwas ganz kleinräumlich zu organisieren, sondern zumindest auf europäischer Ebene."Dass der Sitz der Genossenschaft in Bozen liegt, ist kein Zufall.

Die Herstellung und Verarbeitung von Textilien haben in Südtirol eine lange Tradition. Besonders eindrücklich wird das in der von Tomedi und Vill kuratierten Ausstellung "Samt und Seide 1000 - 1914" gezeigt. Die Ausstellung, die noch bis Oktober dieses Jahres läuft, zeigt an zehn Ausstellungsplätzen in Südtirol, Tirol und dem Trentino historisch einzigartige Stücke und gibt Einblick in die lokale Textil-Geschichte: "Für fast 180 Jahre war die Samt- und Seidenproduktion im Gebiet zwischen Trentino, Süd- und Nordtirol nahezu der wichtigste Wirtschaftszweig. Die Seidenraupenzucht und Seidenverarbeitung kam gleich nach dem Viehhandel und noch vor dem Handel mit Holz", erklärt Vill.

Das Wissen darüber ist allerdings wenig verbreitet. Über die Organisation von Aus- und Weiterbildungen und entsprechende Veranstaltungen, wie die oben genannte Ausstellung oder das Festival für Textile Manufactur Mitte Mai dieses Jahres am Waltherplatz, sollen das Bewusstsein für das Textile Handwerk und Gewerbe gefördert werden und zwar nicht nur in Südtirol. Künftig möchte die Genossenschaft auch Ausstellungen im Ausland organisieren und enger mit ausländischen Netzwerkpartnern zusammenarbeiten.

Bozen fungiert dabei nicht selten als Schnittstelle zwischen den Kulturen und als Brücke zwischen dem deutschen und italienischen Sprachraum. Vill zufolge war die Entscheidung, den Sitz der Akademie nach Bozen zu verlegen, naheliegend: "Letztendlich haben wir uns für Bozen entschieden, da wir bereits zwei Sprachen sprechen und auch die Standortmöglichkeiten sensationell sind", ergänzt er.Richard Vill, Südtiroler Modedesigner ist der Präsident der Europäischen Textilakademie. Er setzt sich für eine transparente Zertifizierung im Textilbereich ein: "Wir müssen endlich unterscheiden lernen zwischen Kostenwirklichkeit und Kostenwahrheit."

Zahlreiche Kompetenzen im internationalen Textil-Netzwerk stammen aus Südtirol: die Konservierung von historischen Geweben, das Wissen über Naturtextilien wie Hanf und Leinen. "Diese Textilien kamen schon immer in der Region vor und werden derzeit intensiv erforscht", betont Vill, der selbst Experte für Leinenstoffe ist. Die Expertise zu Trachtenhistorie und den daraus resultierenden Nebensparten, wie beispielsweise die Federkielstickerei, kommen ebenfalls aus Südtirol.

Textilarchitektur, ein Zukunftsfeld

Die Textilarchitektur hingegen ist ein relativ neuer Zweig im Textilbereich. Ihr Ursprung geht auf die Entwicklung des Olympiadaches von München im Jahr 1972 zurück. Das aus mineralischen Fasern hergestellte geschwungene Dach war das erste Projekt seiner Art. Mittlerweile hat sich die Textilarchitektur, vor allem in den nördlichen Ländern, wie Schweden, Norwegen und Russland aber auch in Frankreich, Belgien, Deutschland und Österreich, weiterentwickelt. Der große Vorteil von textilen Konstruktionen ist ihre Nachhaltigkeit: sie können jederzeit auf- und abgebaut und weiter verwendet werden. "Sie sind auch ästhetisch schön", findet Tomedi. In Italien sei dieser Zweig jedoch noch kaum ausgeprägt. Vill: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass italienische Architekten nicht einmal wissen, was Textilarchitektur ist." Mit der Integration der Textilarchitektur hat die Genossenschaft ihre Möglichkeiten beträchtlich erweitert.

Ruf nach transparenter Zertifizierung

Ein großes, langfristiges Ziel, der Europäischen Textilakademie ist die Entwicklung eines transparenten, europäischen Zertifizierungssystems für Textilien. Daran arbeitet die Akademie bereits seit zwei Jahren. Vill sagt dazu: "Derzeit gibt es eine Vielzahl von Zertifizierungen, die jedoch alle etwas ausblenden. Viele Dinge bleiben für Konsumenten nicht nachvollziehbar", ist Vill überzeugt. So fehlten meist die Angaben über die Art der verwendeten Fasern, der Stoffbehandlung und -produktion, Informationen über verwendete Herbizide, Pestizide, Färbemittel oder Angaben zum Ursprung des Rohmaterials, den zurückgelegten Transportwegen oder Hinweise zu Kinderarbeit. Außerdem gäbe es bisher noch keine Zertifizierung, die den CO2-Ausstoß mitberücksichtigt. Und genau das möchte die Europäische Textilakademie auf europäischer Ebene erreichen und damit einen wesentlichen Betrag zu Textilökologie leisten."Wir müssen endlich unterscheiden lernen zwischen Kostenwirklichkeit und Kostenwahrheit", betont Vill. "Wir wissen mittlerweile, dass wenn ich bei H&M ein T-shirt um 9,50 Euro kaufe ist das zwar die Kostenwahrheit für mich, aber es entspricht nicht der Kostenwirklichkeit, die vielleicht 13,70 Euro beträgt. Die Differenz zwischen der Kostenwahrheit und der Kostenwirklichkeit bezahlt immer jemand. Ob das nun die Kinder sind, die das produzieren, oder die gesundheitlichen Schäden, die irgendwann in Rechnung kommen."

Im Laufe des Interviews wird eines schnell klar: das Textilwesen ist komplex, in mehrfacher Hinsicht, denn auch die Erforschung von neuen Textilien und Fasern ist noch lange nicht abgeschlossen. Vill zufolge werden derzeit lediglich fünf Prozent der möglichen Naturfasern genützt. Dies macht die Arbeit der Europäischen Textilakademie spannend, denn auch an neuen Tätigkeitsfeldern wird es in Zukunft nicht fehlen.

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