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Österreich hat 2019 rund 2,3 Millionen Hektoliter Wein produziert, im Vergleich dazu werden in Südtirol jährlich rund 350.000 Hektolitern Wein hergestellt. Foto: OeWM_Marcus-Wiesner

Chris Yorke: „Eine außergewöhnliche Zeit für unsere Winzer“

Auch die österreichische Weinwirtschaft ist von der Coronakrise massiv betroffen. Der Weinabsatz ist eingebrochen und entwickelt sich derzeit zögerlich. Der Export verzeichnet große Einbrüche. Wie die österreichische Weinwirtschaft in der Krise agiert, hat Raiffeisen Nachrichten Chris Yorke gefragt. Der 55-Jährige ist seit Jahresbeginn neuer Geschäftsführer der Österreich Wein Marketing GmbH, die Servicegesellschaft für die österreichische Weinwirtschaft.

Österreich hat 2019 rund 2,3 Millionen Hektoliter Wein produziert, im Vergleich dazu werden in Südtirol jährlich rund 350.000 Hektolitern Wein hergestellt. Foto: OeWM_Marcus-Wiesner

Der gebürtige und in der Schweiz aufgewachsene Brite war in den vergangenen 15 Jahren hauptverantwortlich für die Entwicklung und Förderung der weltweiten Vermarktung des neuseeländischen Weins bei der Dachorganisation New Zealand Winegrowers. Zuvor war er in multinationalen Konzernen tätig.

Herr Yorke, als neuer Leiter der Österreich Wein Marketing hatten Sie sicher eine Reihe von Plänen und Ideen für den österreichischen Wein, aber dann kam Corona …

Chris Yorke: Die Coronazeit ist eine außergewöhnliche Zeit für unsere Winzer, für die Gastronomen nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt. Auch wir mussten flexibel reagieren, haben unsere Pläne umgeschichtet und hatten dann innerhalb zwei Wochen nach dem Lockdown bereits unsere erste Kampagne gelauncht.

Chris Yorke, Geschäftsführer der Österreich Wein Marketing: Corona hat uns neue und kreative Ansätze gelehrt. Anna-Stoecher_OeWM2

Österreich hat 2019 rund 2,3 Millionen Hektoliter Wein produziert, etwa sieben Mal so viel wie Südtirol. Wie waren die letzten Monate für die österreichische Weinwirtschaft?

Die Coronakrise hat verschiedene Kanäle beeinflusst. Der größte Kanal für Österreich Wein ist die Gastronomie in Österreich und diese war zwei Monate zu. Dieser Absatz ist verloren, leider! Jetzt ist die Gastronomie wieder offen, aber noch nicht zu 100 Prozent ausgelastet, und in den Großstädten fehlen noch die Touristen. Im Handel ist der Konsum in Österreich gestiegen, aber sind nicht alle unsere Winzer auch im Handel vertreten, sondern nur in der Gastronomie. Die Online- und die Ab-Hof-Verkäufe konnten wir forcieren. Die Lage im Export zeigt sich sehr unterschiedlich.

Die Südtiroler Weinwirtschaft hat als Folge der Coronakrise beispielsweise eine Mengenreduzierung beschlossen, um die Marke und die Qualitätsstrategie zu schützen. Welche Strategie verfolgt die österreichische Weinwirtschaft in der Krise?

Wir haben eine vierteilige Strategie. Gleich zu Beginn der Krise starteten wir die Kampagne „Schmecke die Herkunft“, um die verbliebenen Absatzkanäle zu stärken. Einer davon war der Online-Vertrieb im Handel und ab Hof, der hohe Zuwachsraten verzeichnen konnte. Dann haben wir die G’spritzter-Kampagne adaptiert, um die Österreicher noch stärker zu den Wirten und Winzern zu locken. Jetzt im Juli haben wir eine große Weintourismuskampagne gestartet. Sie soll die Gastronomie und die Weinbetriebe inklusive dem Ab-Hof-Verkauf stark unterstützen. Diese multimediale Kampagne bündelt das umfassendste weintouristische Angebot des Landes über eine Website. Zudem kümmern wir uns mit gezielten Maßnahmen natürlich um unsere internationalen Märkte. Hier wurden – um ein Beispiel zu nennen – 200 Weine an Journalisten in zwölf Ländern verschickt, die Verkostungsformate kurzfristig ins Netz verlegt und neue digitale Round-Table-Tastings ins Leben gerufen. Jetzt planen wir Veranstaltungen im November in Russland und Kanada. Und letztlich haben wir in verschiedenen Ländern auch viele Online-Promotions, wo über 1000 österreichische Weine gesourct werden, um die Kategorie Österreich Wein zu pushen.

Die Weinwirtschaft in Österreich ist im Unterschied zu Südtirol – wo die Weinwirtschaft zu gut zwei Dritteln genossenschaftlich organisiert ist – vorwiegend von privaten Weinbetrieben geprägt. Sehen Sie darin einen Vorteil in der Krise?

Österreich zählt an die 14.000 Weinbetriebe mit etwa 45.000 Hektar Weinbaufläche. OeWM_Armin-Faber

Momentan ist es für kleinere Betriebe vielleicht etwas schwieriger. Aber wir sind ein hochwertiges Weinland, wir produzieren sehr guten Qualität zu guten Preisen. Speziell in der Restaurantszene ist es interessant, Weine zu entdecken, die man im Handel nicht findet. Längerfristig glaube ich, dass Österreich aufgrund seiner hochwertigen, sehr umweltbewussten und an Gebieten äußerst vielfältigen Weinkultur nur profitieren kann.

Durch die Schließung der Gastronomie konnten in Österreich bis Mitte Mai rund 23 Mio. Liter Wein nicht abgesetzt werden. Um die Lagerbestände abzubauen, sollen etwa 10 Millionen Liter Wein des Jahrgangs 2018 und älter zu Desinfektionsmittel verarbeitet werden. Gibt es daneben andere Hilfs- und Stützungsmaßnahmen für die Corona geschädigte Weinbranche?

Es gibt beispielsweise die Absatzförderung für Drittlandmärkte, der Fördersatz ist jetzt von 50 auf 60 Prozent gesetzt worden und es werden Investitionsförderungen gewährt. Zudem sichert der Fall der Schaumweinsteuer mit 1. Juli den Weinabsatz für die Sekt- und Weinerzeuger. Was aber in Zeiten wie diesen besonders wichtig ist: man muss zusammenhalten, muss längerfristig denken und die richtigen Entscheidungen treffen. Genau das versuchen wir jetzt auch hier in Österreich.

Sie haben 15 Jahre lang den neuseeländischen Wein beworben und vermarktet. Welche besonderen Unterschiede haben Sie zwischen Neuseeland und Österreich im Weinsektor festgestellt?

Als ich vor 15 Jahren angefangen habe, waren die Exporte um die 150 Millionen Euro, am Ende meiner Arbeit in Neuseeland waren es über eine Milliarde Euro, also eine ganz interessante Exportgeschichte! Ein interessanter Unterschied zwischen beiden Ländern: Die Neuseeländer exportieren 80 Prozent der Produktion und Österreich nur 25 Prozent, obwohl beide Länder ungefähr gleich viel produzieren. Was mich in Österreich sehr beeindruckt hat, ist das Reifepotential der Weine. Sie haben eine gute Struktur und Säure, und das sind Alleinstellungsmerkmale im Vergleich zu anderen Ländern. Das wird uns helfen, denn wir haben einen Super Jahrgang 2019 – der kann nur besser werden und den kann man jahrelang noch kaufen.

Willi Klinger, ihr Vorgänger als Geschäftsführer der Österreich Wein Marketing, war auch in Südtirol kein Unbekannter und hat hier viel beachtete Vorträge bei verschiedenen Weinbautagungen gehalten. Abseits von Corona: Setzen sie in Ihrer neuen Arbeit mehr auf Kontinuität oder verfolgen Sie eine neue Strategie?

Willi Klinger hat eine sehr gute Arbeit für Österreich Wein geleistet, aber jeder bringt seine eigenen Stärken zur Position. Wir werden sehr gezielt in unseren Exportmärkten arbeiten. Marktstudien sollen uns helfen, unsere Botschaften noch zu verfeinern und unsere Aktivitäten noch spezifischer auf unsere Kundengruppen in den Hauptmärkten auszurichten. Die Coronazeit hat uns sicher neue Ansätze gelehrt, an die wir jetzt anknüpfen können. Die Kreativität in dieser Zeit hat sehr geholfen. Ich bin der Meinung, dass es ein langfristiges nachhaltiges Exportpotential für Österreich gibt.

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