"Über die Schulter geschaut"

Leonhard Resch

Geschäftsführer der Arche im KVW

Seit rund 20 Jahren gibt es in Südtirol einen Verein, der sich für Personen einsetzt, die ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen wollen. Die Arche im KVW betreut Wohnbaugenossenschaften und ist seit 2006 Mitglied im Raiffeisenverband Südtirol. Im Interview erklärt Geschäftsführer Leonhard Resch wie die Genossenschaft entstanden ist.

Albert Rungg, „ein Urgestein im KVW“, wie Leonhard Resch, Geschäftsführer der Arche, im Interview erklärt, hat den Verein 2001 gegründet. Denn Rungg hatte erkannt, dass es auf deutscher Seite keine Betreuung für Wohnbaugenossenschaften gab - die Verbände Confcooperative und LegaCoopBund boten ausschließlich italienischsprachige bzw. gemischtsprachige Beratung an.

Rungg gründete zunächst den Dachverband der Genossenschaften und Vereine im KVW. Daraus entwickelte sich die Arche im KVW. Seit damals betreut sie Wohnbaugenossenschaften in ganz Südtirol von der Planungsphase bis zur Übergabe des Eigenheims. Aktuell betreut sie rund 35 Wohnbaugenossenschaften.

Leonhard Resch, Sie waren fast von Anfang an dabei, wie hat sich die Arbeit der Arche in den letzten 20 Jahren verändert?

Das erste Projekt war der Bau der Wohnbaugenossenschaft Bozen 1 in der Erweiterungszone Rosenbach in Bozen-Haslach mit 64 Wohnungen. Dabei haben wir sehr viel Know-how gesammelt und wollten dieses Wissen weitergeben. Danach folgten viele Genossenschaft in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck. Interessant ist, dass die Genossenschaften tendenziell kleiner geworden sind. Rosenbach war die zweitgrößte Genossenschaft mit 64 Wohnungen, dann hatten wir ein Projekt mit 92 Wohnungen hier in Bozen. Heute baut eine durchschnittliche Genossenschaft zwischen acht und zwölf Wohneinheiten.

Welche Aufgaben übernimmt die Arche für Ihre Mitglieder?

Wir übernehmen die Verwaltung und helfen bei der Gründung der Genossenschaft. Wir begleiten den Prozess von Anfang an: wir helfen dabei dass sich die Mitglieder auf ein Planungsteam einigen, unterstützen die Mitglieder beim Ansuchen für Bauförderung und kümmern uns um die administrative Abwicklung. Projektsteuerer sind wir jedoch keine, das gab es nur in den ersten zwei, drei Jahren.

Wie finden Interessierte den Weg zur Arche?

Das ist unterschiedlich. Manche kommen direkt vorbei, um sich über den geförderten Wohnbau zu informieren. Andere suchen Gleichgesinnte, weil sie ihren Grund verbauen möchten. Meistens ist es so, dass eine Gemeinde neue Wohnbauzonen ausweist und uns kontaktiert, um einen gemeinsamen Infoabend zu organisieren. Nach solchen Veranstaltungen kommen meistens Menschen zu uns und wollen eine Wohnbaugenossenschaft gründen.

Mittlerweile werden jedoch auch gemischte Projekte geplant, also eine Kombination von gefördertem und freiem Wohnbau. Interessierte mit unterschiedlichen Voraussetzungen tun sich zusammen, entwickeln gemeinsam ein Projekt und kaufen einen privaten Baugrund oder sanierungsbedürftigen Gebäude. In solchen Situationen ist die Genossenschaft ein ideales Instrument.

Warum eine Genossenschaft?

Eine Genossenschaft ist ideal, um zusammen etwas entstehen zu lassen. Hier hat die Mehrheit das Sagen. Genossenschaft ist eine urdemokratische Form. Der größte Mehrwert der Genossenschaft liegt allerdings im Prozess, den die Mitglieder durchlaufen. Menschen, die ein gemeinsames Bauprojekt vorantreiben, durchlaufen die Planungs- und Bauphase gemeinsam und lernen miteinander umzugehen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Dieser Prozess erleichtert das spätere Zusammenleben wesentlich.

Wo gelingt das besonders gut?

Wir haben gesehen, dass der Gemeinsinn besonders in Dörfern noch stark ausgebildet ist: Musikkapelle, Feuerwehr, Bergrettung … Menschen sind gewohnt gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Je größer die Ortschaft, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand nicht im Ehrenamt tätig ist.

Und wenn es keinen Konsens gibt?

Wer gemeinsam Entscheidungen trifft, muss fähig sein, Meinungen von andern anzuhören, zu akzeptieren und zu erkennen, dass die eigene Realität anders sein kann als die der Gruppe. Sind die Unterschiede innerhalb der Gruppe sehr groß, kann eine Genossenschaft auch vorzeitig aufgelöst werden. Es gab sogar den Fall, wo Mitglieder gegen ihren Willen entlassen worden sind, weil sie sich genossenschaftsschädlich verhalten haben oder die Finanzierung nicht mehr aufgebracht haben.

Gibt es nach Abschluss des Bauprojektes noch Kontakt zu den Mitgliedern?

In der Regel werden die Genossenschaften geschlossen, nachdem sie die Benutzungsgenehmigung erlangt haben, alle Rechnungen bezahlt sind und die Zuweisung an die Eigentümer erfolgt ist. Mittelstandsgenossenschaften hingegen müssen per Gesetz noch zehn Jahre weiterbestehen. Dennoch lernt man sich im Laufe der Jahre kennen und so besteht der Kontakt meist auch über die Auflösung der Genossenschaft hinaus. Vor allem bei auftauchenden Fragen melden sie sich wieder.

Wie wird sich die Arche im KVW weiterentwickeln?

Bis vor 10 Jahren gab es ausschließlich geförderten Wohnbau. Ich denke, dass es in Zukunft mehr Wohnbaugenossenschaften in Mischform, also Projekte mit geförderten, freien und konventionierten Wohnungen, geben wird. Meiner Ansicht nach bringt das neue Gesetz für Raum und Landschaft ebenfalls mehr Möglichkeiten. Wir kennen Projekte im In- und Ausland, die weit über das Wohnen hinausgehen und weitere Dienste miteinschließen: gemeinsamer Fuhrpark, Gemeinschaftswerkstatt, Wäscherei, Wohnen fürs Alter… Da gibt es unbegrenzte Möglichkeiten.

Wie groß ist in Südtirol das Interesse für solche Projekte?

Noch eher gering. Ich denke, da braucht es die neue Generation. Albert Rungg war hier ein Vordenker. Beim Projekt Rosenbach beispielsweise gibt es große Räume, die gemeinschaftlich genutzt werden als Fitnessraum, Turnraum, ein Versammlungsraum der für Kindergeburtstage genutzt wurde und darüber hinaus gibt es ein kleines Büro. Auch der Innenhof wird gemeinschaftlich genutzt. Mehr-Generationen-Projekte sind denkbar, auch ein gemeinsamer Fuhrpark. Auch da ist die Genossenschaft die ideale Form das umzusetzen. Ich bin davon überzeugt, dass dies auch nach Südtirol kommen wird. Der Wohnraum wird mittelfristig nicht günstiger, auch Wohnungen werden teurer und kleiner und der einzelne hat weniger Platz. Dies macht eine Gemeinschaftswaschmaschine und -Trockner im Keller interessant. Dazu braucht es jedoch Vertrauen. Und das entsteht, wenn ich bereit bin Vertrauen zu schenken. Die Sensibilität in dieser Richtung steigt.

Gibt es etwas, auf das sie besonders stolz sind, etwas das in den letzten 20 Jahren besonders gut gelungen ist?

Ein aktuelles Beispiel das mir persönlich sehr gut gefällt ist das Projekt der Obfrau der Arche im KVW. Ulrike Thalmann hat in Bozen als Obfrau der Wohnbaugenossenschaft Gries an der Meraner Kreuzung zusammen mit 36 Familien ein 10 stöckiges Haus gebaut. Mit seinen wellenförmigen, grünen Balkonen und dem großen überdachten Bereich im Erdgeschoss der viel Platz für die Hausgemeinschaft bietet, bringt das Gebäude seinen Bewohnern viel Freude.

Insgesamt ist es immer interessant, die Entwicklung eines Projektes mitzuerleben, die Herausforderungen in den unterschiedlichen Projektphasen. Ich werte es als Erfolg, wenn das Projekt glückt, das Preis- Leistungsverhältnis stimmt und Leute sich über ihre Wohnung freuen und 80, 90 Prozent der Mitglieder zufrieden sind.

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