Raiffeisen Nachrichten: Frau Gluderer, Sie engagieren sich in vielen Bereichen. Erzählen Sie uns kurz von sich.
Karin Gluderer: Ich führe gemeinsam mit meinem Vater unser Mode- und Bergsportgeschäft in Schlanders bereits in dritter Generation. Vor drei, vier Jahren haben wir den Betrieb umgebaut und auf rund 350 Quadratmeter erweitert und alles auf eine Ebene gebracht. Neben dem Geschäft engagiere ich mich als Ortsobfrau des hds in Schlanders, bin Stellvertreterin des Präsidenten im Bezirksausschuss und seit einigen Jahren auch Verwaltungsrätin der Raiffeisenkasse Schlanders.
Schlanders wurde kürzlich mit dem europäischen Preis „European Capitals of Small Retail (ECoSR) 2026“ in der Kategorie der Kleinstädte ausgezeichnet. Welche Rolle haben Sie dabei gespielt?
Für eine Gemeinde mit rund 6.500 Einwohnerinnen und Einwohnern haben wir unglaublich viel zu bieten: einen funktionierenden Einzelhandel, Schulen, Ämter, eine Raiffeisenkasse und auch die beiden anderen Südtiroler Banken sind vertreten und insgesamt besitzt Schlanders einen sehr lebendigen Ortskern.
Es wurde eine Arbeitsgruppe aus hds, hgv, Tourismusverein Schlanders-Laas, die Basis und Vertreter der Gemeinde erstellt und so die Bewerbung ausgearbeitet. Das war ein umfangreicher Bericht. Dabei ist uns erst richtig bewusst geworden, was wir alles schon haben – von der Digitalisierung bis zur Infrastruktur. Dass wir ins Finale gekommen sind und dann sogar gewonnen haben, hat uns alle überrascht.
Wie sind Sie in den Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse Schlanders gekommen?
Mittlerweile arbeite ich bereits in meiner dritten Legislaturperiode mit. Ich habe Wirtschaft studiert – den Bachelor in Italien und den Master in Strategischem Management in Innsbruck. Während des Studiums hat mein Vater den Hinweis gesehen, dass die Raiffeisenkasse jemanden sucht. Er wusste, dass mich Bankwesen, Zahlen und Buchhaltung schon immer interessiert haben. Also habe ich mich beim Direktor gemeldet und gefragt, ob ich infrage käme. Er meinte: "Ja logisch." Nach einem Bewerbungsgespräch bin ich aufgenommen worden.
In der ersten Legislaturperiode war ich noch Ersatzaufsichtsrätin, weil ich studienbedingt nicht immer vor Ort war. Danach wurde ich in den Verwaltungsrat gewählt und bin inzwischen bereits zum zweiten Mal wiedergewählt worden.
Wie erleben Sie Ihre Arbeit im Verwaltungsrat?
Die Sitzungen sind immer sehr interessant. Man bekommt vieles mit, was im Dorf passiert – selbstverständlich unter Einhaltung der Schweigepflicht. Wir diskutieren bestimmte Themen, die aus den verschiedenen persönlichen und beruflichen Blickwinkeln beleuchtet werden, da kann sich jeder gut einbringen.
Vor allem habe ich gelernt, wie komplex das Bankwesen tatsächlich ist. Als Außenstehende hat man kaum eine Vorstellung davon, wie stark Banken durch die Banca d'Italia oder auf europäischer Ebene reguliert werden. Was selbst kleine Banken alles erfüllen müssen, ist wirklich enorm.
Wie bringen Sie sich persönlich im Gremium ein?
Ich vertrete die Kaufleute. Als Raiffeisenkasse unterstützen wir über Sponsoring auch Veranstaltungen des hds, wofür wir sehr dankbar sind.
Wie gelingt Ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Ich bin froh, dass mein Vater noch im Betrieb ist. In den letzten Jahren hat er mir Raum gegeben Schritt für Schritt Verantwortung zu übernehmen. Jetzt, seit der Geburt meiner Tochter, hat er wieder etwas mehr übernommen, weil beides gleichzeitig schwierig ist. Bei wichtigen Entscheidungen bin ich natürlich weiterhin eingebunden. Und wenn es notwendig ist – so wie bei Urlaubsvertretung - bin ich auch stundenweise im Geschäft.
Ansonsten unterstützen mich meine Eltern und Schwiegereltern sehr, die sind alle noch fit. Ohne dieses familiäre Netzwerk wäre vieles gar nicht möglich. Als Selbstständige kann man eben nicht neun Monate komplett abschalten. Das Geschäft läuft weiter. Man kommt schon manchmal an seine Grenzen – aber bisher ist alles gut gegangen.
Wie gehen Sie mit Herausforderungen um?
Im Betrieb bespreche ich alles mit meinem Vater. Gemeinsam überlegen wir, welche Lösungen sinnvoll sind. Privat rede ich mit meinem Partner, meiner Familie oder Freunden. Früher war Sport mein Ausgleich. Seit unsere Tochter da ist, ist die Zeit mit ihr mein größter Ausgleich.
Was fällt Ihnen besonders leicht?
Das Verbinden verschiedener Bereiche. Viele fragen mich, warum ich mich zusätzlich ehrenamtlich engagiere, obwohl ich mit dem Geschäft schon genug Arbeit hätte. Für mich gehört das aber zusammen. Wenn wir als hds Veranstaltungen organisieren und dadurch mehr Menschen ins Dorf kommen, profitiert am Ende auch unser Geschäft.
Warum ist ehrenamtliches Engagement heute so wichtig?
Weil Vereine und Genossenschaften genau davon leben. Ich merke allerdings, dass es immer schwieriger wird, Menschen für ein Ehrenamt zu begeistern. Viele – v.a. unter den Jüngeren - möchten lieber etwas verdienen, statt sich freiwillig einzubringen. Ich finde unsere Generation sollte endlich damit beginnen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Man kann nicht immer nur nehmen – man muss auch bereit sein, etwas zurückzugeben.
Wie erleben Sie Ihre Rolle als Frau im Verwaltungsrat?
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir alle gleich sind. Ich frage mich oft, warum überhaupt noch Unterschiede gemacht werden. Seit ich Mutter bin, merke ich allerdings schon den Zwiespalt zwischen Familie und Beruf. Einerseits möchte ich für mein Kind da sein, andererseits möchte ich mich auch beruflich und ehrenamtlich weiter engagieren.
Unterstützt Sie Ihr Partner dabei?
Ja, auf jeden Fall. Er arbeitet zwar ebenfalls Vollzeit, hat aber Elternzeit genommen und übernimmt Verantwortung für unsere Tochter. Das ist auch nicht selbstverständlich. Ansonsten sprechen wir uns alles ab. Es ist nicht immer einfach, aber bisher funktioniert es gut. Das erste Jahr ist sicher das herausforderndste.
Welche Rolle spielt das Frausein für Ihren Erfolg?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Umfeld überrascht ist, wenn eine junge Frau schon früh Verantwortung übernimmt. Gerade am Anfang muss man sich vielleicht etwas mehr beweisen. Aber wenn die Menschen sehen, dass man seine Arbeit gut macht, bekommt man auch den entsprechenden Respekt. Und wer fleißig ist und an seinen Zielen arbeitet, kann sehr viel erreichen. Ich bin auch so aufgezogen worden, dass eine Frau selbstständig sein und auf eigenen Füßen stehen und nicht von Männern abhängig sein soll. Das möchte ich auch weitergeben.
Was war bisher Ihre größte Herausforderung?
Die Betriebsübernahme. Wenn zwei Generationen gemeinsam arbeiten, muss man sich zuerst finden. Gerade wenn neue Ideen umgesetzt werden sollen, braucht es viele Gespräche. Heute bin ich froh, dass wir diesen Weg gemeinsam gegangen sind.
Wann fühlen Sie sich besonders stark?
Vor allem bei Veranstaltungen oder wenn wir als hds etwas organisieren. Oder wenn ich mich später in den Medien sehe, denke ich manchmal schmunzelnd: "Offenbar habe ich doch etwas richtig gemacht." Besonders freut mich Lob aus dem Dorf oder von Menschen, die sagen, dass wir etwas gut umgesetzt haben.
Wie erleben Sie Ihre Rolle als Führungskraft?
Wir sind ein kleines Team mit sechs bis sieben Mitarbeitenden. Wir treffen viele Entscheidungen gemeinsam und diskutieren offen darüber, was verbessert werden kann. Wenn etwas angesprochen werden muss, dann soll es gesagt werden – entscheidend ist das Wie. Ich bin jünger als viele unserer Mitarbeitenden und zudem eine Frau. Deshalb versuche ich bewusst, auf Augenhöhe zu führen. Ich frage mich immer: Wie würde ich selbst gerne behandelt werden? Da wir so viel Zeit miteinander verbringen, ist unser Betrieb fast wie eine Familie.
Was halten Sie von Frauenquoten?
Grundsätzlich finde ich sie gut. Oft sitzen in Gremien fast nur Männer, dieses Bild muss aus unseren Köpfen verschwinden. Durch Quoten werden Frauen ermutigt, sich überhaupt zu bewerben und sich zuzutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Erfahrung kann jeder sammeln, wenn man bereit ist zu lernen.
Haben Sie ein Lebensmotto?
"No risk, no fun." Das war bereits in der Oberschule mein Motto. (lacht)
Ich brauche immer wieder Abwechslung, neue Herausforderungen und auch einmal einen Tapetenwechsel. Gerade wenn man jung ist, sollte man hinaus in die Welt gehen und Neues ausprobieren.
Welchen Rat geben Sie Frauen, die überlegen, sich für ein Gremium aufstellen zu lassen?
Einfach ausprobieren. Man traut sich oft viel zu wenig zu. Natürlich braucht es – gerade mit Familie – Rückhalt vom Partner oder von der Familie. Aber wenn dieser Rückhalt da ist, sollte man die Chance nutzen. Frauen sollen sich trauen. Wir sind genauso stark wie Männer und in vielen Situationen sogar stärker als sie.
Was macht Sie glücklich?
Dass ich das tun darf, was mir Freude macht. Auch wenn ich viel arbeite, weiß ich, wofür ich es tue. Die Erfolge kommen irgendwann zurück. Gleichzeitig bin ich unglaublich dankbar für meine Familie und für die Unterstützung, die ich bekomme. Und manchmal sind es einfach die kleinen Dinge: zwei Stunden mit Freunden in einer Bar sitzen, Zeit mit meiner Tochter verbringen oder bewusst den Moment genießen. Ich bin glücklich mit dem wie es ist.
Wenn Sie sich in drei Begriffen beschreiben müssten?
Ehrgeizig. Verrückt. Risikofreudig.
Und wenn Ihnen eine Fee einen Wunsch erfüllen würde?
Einen ganzen Monat mit meiner Familie verreisen und einfach gemeinsam Zeit verbringen.



