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100 Jahre Ojöp Dasser: Erinnerung an einen Raiffeisen-Pionier

Vor 100 Jahren, am 19. September 1926, starb Pfarrer Ojöp Dasser. Mit der Gründung der ersten Raiffeisenkasse Südtirols in Rina/Welschellen hatte er 1889 einen Grundstein für die Entwicklung des Raiffeisenwesens im Land gelegt. Genau 100 Jahre nach seinem Tod erinnerte die Cassa Raiffeisen Val Badia in St. Martin in Thurn an den Pionier der Genossenschaftsidee – mit einem Blick auf seine Zeit, auf das, was aus seiner Initiative entstanden ist, und auf die Bedeutung genossenschaftlicher Werte heute.

Viele interessierte Mitglieder und Gäste waren zur Gedenkfeier ins Kulturinstitut Micurá de Rü gekommen. Durch den Nachmittag führte Maria Rubatscher. Den Auftakt machte Georg Mutschlechner, Obmann der Cassa Raiffeisen Val Badia. Er erinnerte daran, welche Bedeutung von Welschellen für die Entwicklung der Raiffeisenorganisation in Südtirol ausgegangen ist. Zugleich spannte er den Bogen zur Gegenwart und zur Rolle der Cassa Raiffeisen Val Badia als Partner für Mitglieder, Kunden und Bevölkerung im Tal.

Raiffeisens Idee übernommen

Wie außergewöhnlich die Initiative von Ojöp Dasser Ende des 19. Jahrhunderts war, zeigte anschließend Giovanni Mischí vom Museum Ladin. Er nahm die Gäste mit in eine Zeit, in der das Gadertal fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt war und viele Bauern nach der Grundentlastung mit hohen Schulden und teuren Krediten zu kämpfen hatten. Dasser erkannte in der Genossenschaftsidee Friedrich Wilhelm Raiffeisens einen möglichen Ausweg: Menschen sollten sich zusammenschließen und sich gegenseitig helfen.

1885 kam Dasser nach Rina/Welschellen. Er brachte Menschen zusammen, erklärte ihnen die damals neue Idee einer genossenschaftlichen Kasse und gewann nach anfänglicher Skepsis ihr Vertrauen. Am 29. August 1889 wurde schließlich im Gasthaus „Carigá“ die erste Raiffeisenkasse Südtirols gegründet. Die Anfänge waren denkbar bescheiden: Die Kasse war in einem kleinen Zimmer im Pfarrhaus untergebracht und zunächst nur sonntags nach der Messe geöffnet. Dasser selbst übernahm die Aufgabe des Kassiers.

Großes Netzwerk aus kleinen Anfängen

Verbandsobmann Herbert Von Leon knüpfte in seiner Rede daran an und stellte die Frage: Was ist aus dieser Idee geworden? Aus dem kleinen Anfang in Welschellen entwickelte sich über Generationen die heutige Südtiroler Raiffeisenorganisation mit 39 eigenständigen Raiffeisenkassen und einem gemeinsamen Netzwerk; insgesamt gehören der Raiffeisenorganisation heute rund 370 Genossenschaften aller Sparten an. Von Leon zeichnete den Weg von den ersten Kassen über die Gründung gemeinsamer Verbandsstrukturen bis zur heutigen Zusammenarbeit von Raiffeisenkassen, Raiffeisenverband, Raiffeisen Landesbank, RISKonsGmbH, Versicherungsdienst, dem institutsbezogenen Sicherungssystem IPS und weiteren Einrichtungen nach.

Gerade diese Verbindung von Eigenständigkeit und Zusammenarbeit sei bis heute eine Stärke des Systems: Die Raiffeisenkassen bleiben vor Ort verwurzelt, während gemeinsame Einrichtungen Aufgaben übernehmen, die zusammen besser bewältigt werden können. Vieles, so Von Leon, wäre Ojöp Dasser heute wohl fremd – vom Online-Banking über künstliche Intelligenz bis zur europäischen Bankenaufsicht. Wiedererkennen würde er aber den Kern seiner damaligen Idee: Menschen schließen sich zusammen, weil sie gemeinsam etwas besser schaffen als jeder für sich allein.

Auch Direktor Mirco Daurù richtete den Blick auf die Gegenwart. Er hob die Nähe zu den Menschen, die regionale Verwurzelung und die genossenschaftlichen Werte hervor. Die Raiffeisenkassen seien heute eine der stärksten Bankorganisationen des Landes. Für die Cassa Raiffeisen Val Badia bedeute der genossenschaftliche Auftrag vor allem, das eigene Tätigkeitsgebiet sowie Mitglieder und Bevölkerung zu unterstützen und zu fördern.

Restauriertes Grab gesegnet

Musikalisch umrahmt wurden die Beiträge vom ladinischen Gesangstrio Terzet Sonóris. Anschließend machte sich die Festgemeinschaft gemeinsam auf den Weg zum Friedhof von St. Martin in Thurn. Dort steht das Grab von Ojöp Dasser, das anlässlich seines 100. Todestages auf Initiative der Cassa Raiffeisen Val Badia restauriert und wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt worden war. Der langjährige Gadertaler Dekan Jakob Willeit erinnerte am Grab an Dasser und segnete die restaurierte Grabstätte sowie die Anwesenden. Romy Crazzolara, Präsidentin des Kirchenrates der Pfarrei St. Martin in Thurn, dankte der Raiffeisenkasse für die Restaurierung und dafür, dass damit ein sichtbares Stück Erinnerung an Ojöp Dasser bewahrt wird.

Seinen Abschluss fand der Nachmittag im Museum Ladin Ciastel de Tor. Bei einem Buffet und Harmonikamusik blieb Zeit für Gespräche und Begegnungen.

Die Erinnerung an Ojöp Dasser ist dabei weit mehr als ein Blick in die Geschichte. Was 1889 in einem kleinen Bergdorf begann, hat sich über Generationen weiterentwickelt. Dassers Grundgedanke ist geblieben: wirtschaftliche Selbsthilfe, Verantwortung und Zusammenarbeit. Oder, wie ein ihm zugeschriebener Satz es auf den Punkt bringt: „Die Kasse gehört nicht der Kasse und auch nicht ihren Funktionären, sondern den Mitgliedern der Genossenschaft.“