Nicht jede Schlagzeile, die an den Börsen kurzfristig für Unruhe sorgt, ist für Anleger auch langfristig von Bedeutung. Darauf verwies Volkswirt Martin von Malfèr, Experte für Finanz- und Vorsorgethemen bei der Raiffeisen Landesbank Südtirol, bei seinem Vortrag „Bewegte Märkte – klare Entscheidungen“. „Die Finanzmärkte reagieren natürlich auf kurzfristige Nachrichten, die allerdings langfristig meistens innerhalb kurzer Zeit wieder vergessen werden“, erklärte von Malfèr. Entscheidend sei deshalb, die größeren wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen und Anlageentscheidungen nicht von Emotionen oder einzelnen Schlagzeilen abhängig zu machen.
KI verändert die Wirtschaft – nicht nur die Technologiebranche
Als einen der wichtigsten Wachstumstreiber der kommenden Jahre bezeichnete von Malfèr die künstliche Intelligenz. Ihre Bedeutung gehe weit über die bekannten Technologieunternehmen hinaus. KI könne in nahezu allen Wirtschaftsbereichen die Produktivität steigern, Arbeitsabläufe vereinfachen, Kosten senken und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. „Die künstliche Intelligenz ist eine Klasse für sich“, betonte von Malfèr. Anders als frühere technologische Entwicklungen werde sie nicht nur einzelne Branchen verändern, sondern die gesamte Wirtschaft durchdringen. Besonders im Dienstleistungsbereich sieht der Finanzexperte erhebliches Potenzial. Die eigentlichen Produktivitätsgewinne könnten sich vielfach erst in den kommenden Jahren zeigen. Für Anleger bedeutet das allerdings nicht, dass jede Aktie aus dem KI-Bereich automatisch eine gute Investition ist. Von Malfèr verwies darauf, dass Unternehmen, die KI entwickeln, zum Teil noch hohe Verluste schreiben. Gleichzeitig könnten Unternehmen aus ganz anderen Branchen erheblich davon profitieren, wenn sie künstliche Intelligenz erfolgreich einsetzen. Zu den weiteren langfristigen Wachstumsthemen zählt der Experte die Elektrifizierung, den Ausbau der Energieinfrastruktur, die Automatisierung und die Robotik. Auch das wirtschaftliche Wachstum in Indien und anderen aufstrebenden Regionen werde zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Staatsschulden und geopolitische Konflikte bleiben Risiken
Neben diesen Chancen beleuchtete von Malfèr die Risiken für die Weltwirtschaft. Besonders die steigende Staatsverschuldung bereitet ihm Sorgen. In den USA habe die Staatsverschuldung mittlerweile rund 128 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreicht. In Europa seien vor allem die Unterschiede zwischen den Ländern groß. Während Deutschland noch vergleichsweise viel finanziellen Spielraum habe, bezeichnete er insbesondere die Entwicklung in Frankreich als Belastungsfaktor. Hinzu kommen geopolitische Konflikte, handelspolitische Unsicherheiten und die Entwicklung der Energiepreise. Diese Faktoren könnten die Finanzmärkte auch künftig kurzfristig erheblich beeinflussen. Dennoch warnte von Malfèr davor, aus jeder politischen Krise unmittelbar Konsequenzen für die eigene Geldanlage abzuleiten. Für die längerfristige Entwicklung der Aktienmärkte seien unter anderem das Wirtschaftswachstum, die Unternehmensgewinne, technologische Fortschritte und die verfügbare Liquidität entscheidend.
Langfristig denken, Risiken streuen
Für private Anleger hatte von Malfèr einen klaren Rat: Wer Vermögen aufbauen möchte, sollte nicht versuchen, jede kurzfristige Börsenbewegung vorherzusagen. Von Malfèr verwies auf die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte. Trotz Finanzkrisen, Pandemie, Kriegen und anderer wirtschaftlicher Rückschläge hätten sich die Aktienmärkte insgesamt langfristig immer wieder erholt. Das gelte allerdings nicht für jede einzelne Aktie und sei auch keine Garantie für künftige Kursentwicklungen. Wesentlich sei zudem, das Risiko möglichst breit zu verteilen. Wer ausschließlich auf einzelne Unternehmen setze, müsse im ungünstigsten Fall mit großen Verlusten rechnen. Bei breit gestreuten Aktienfonds oder Aktien-ETFs verteile sich das Risiko hingegen auf zahlreiche Unternehmen. Auch solche Anlagen seien jedoch nicht vor Kursverlusten geschützt. „Die Frage hängt immer vom Zeithorizont ab“, erklärte von Malfèr. Je länger jemand investiere, desto geringer sei normalerweise das Risiko, kurzfristige Schwankungen zum ungünstigen Zeitpunkt realisieren zu müssen. Auch bei den zunehmend beliebten ETFs lohnt es sich laut von Malfèr, genauer hinzuschauen. Sie ermöglichten zwar einen einfachen Zugang zu ganzen Aktienindizes, seien aber nicht automatisch für jede Anlagesituation die beste Lösung. Entscheidend bleibe, welche Märkte und Unternehmen tatsächlich enthalten seien.
Europa will die Aktienkultur stärken
Auch die Europäische Union will erreichen, dass mehr Menschen in Aktien investieren. Darauf verwies von Malfèr in seinem Vortrag. Hintergrund sei unter anderem, dass Europa mehr Kapital für innovative Unternehmen und Start-ups benötige. Anders als in den USA würden Unternehmen in Europa noch überwiegend über Banken finanziert. Ein stärker entwickelter Kapitalmarkt könnte dazu beitragen, neue Geschäftsideen und zukunftsweisende Investitionen zu finanzieren. Als Vorbilder nannte von Malfèr die USA und die skandinavischen Länder, in denen Aktien beim Vermögensaufbau und bei der Altersvorsorge eine wesentlich größere Rolle spielen. Voraussetzung für eine stärkere Aktienkultur sei allerdings auch, dass die Menschen die Chancen und Risiken der Finanzmärkte besser verstehen. Zum Abschluss ermutigte von Malfèr die Clubmitglieder, trotz aller Krisen zuversichtlich zu bleiben. Kurzfristige Rückschläge werde es an den Börsen immer wieder geben. Entscheidend sei, sich davon nicht verunsichern zu lassen und bei der Geldanlage langfristig zu denken.



