Giulia Zecca: „Jeder ist normal in seiner Normalität.“

Die Vollversammlung des Raiffeisenverbandes Südtirol am 10. Juni bot den Rahmen für die Vorstellung eines Kunstwerkes, das Klienten und Betreuende der Sozialgenossenschaft Efeu realisiert haben: Wie das Werk „Schubladendenken“ entstanden ist, erklärt Giulia Zecca, Geschäftsführerin der Sozialgenossenschaft.

Nach langem Sägen, Schleifen, Ausschneiden und Hämmern steht das Kunstwerk „Schubladendenken“ nun fest auf einem geschmiedeten und stabilen Sockel. 12 Klientinnen und Klienten und das 4köpfige engagierte Mitarbeiterteam haben in den letzten Monaten daran gearbeitet. Nun soll das Werk „Schubladendenken“ in Südtirol auf Reisen gehen und möglichst vielen Menschen vorgestellt werden. Das Foyer des Raiffeisenpavillon in Bozen war die erste Station der geplanten Ausstellungsreise.

Raiffeisen Nachrichten: Welche Idee soll mit dem Werk „Schubladendenken“ transportiert werden?

Giulia Zecca: Das Kunstwerk „Schubladendenken“ will die Gesellschaft für das Thema der Beeinträchtigung sensibilisieren. Es wirft die Frage auf: Wie geht die Gesellschaft mit Menschen um, die eine Beeinträchtigung haben?

Wie ist das Werk entstanden?

Giulia Zecca: Ursprünglich wollten wir bei einem Kunstwettbewerb mitmachen. Wir hatten in der Zeitung von diesem Wettbewerb für Menschen mit Behinderung gelesen und uns gleich ans Werk gemacht. Als wir das Werk einschicken wollten, hieß es, dass nur Einzelkünstler mitmachen dürfen. Für uns war das eine große Enttäuschung. Gleichzeitig wollten wir es unseren Klienten nicht nehmen, das Werk trotzdem zu beenden und auf den Weg zu bringen. Deshalb steht das Werk heute hier auf der Vollversammlung des Raiffeisenverbandes in Bozen. Für mindestens ein Jahr soll das Werk nun in Südtirol an verschiedenen Orten ausgestellt werden, damit unsere Botschaft möglichst viele Menschen erreicht.

Welche Botschaft steht hinter diesem Werk?

Giulia Zecca: Wir leben in einer reinen Leistungsgesellschaft nach dem Motto: immer schneller, höher und weiter. Wer seinen Alltag nicht danach ausrichten kann, hat Schwierigkeiten seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Wir verlangen dauernd, dass sich Menschen mit Behinderung an unseren - teilweise kranken - Lebensstil anpassen. Dabei stellt sich, in Anlehnung an die Menschenrechte, die Frage, ob unsere Gesellschaft nicht so aufgebaut sein müsste, dass alle daran teilnehmen können. Dieser Gedanke stellt unsere erste Botschaft dar. Durch unser Werk möchten wir natürlich auch unsere Einrichtung vorstellen und eventuelle Kooperationspartner für neue Projekte oder Zusammenarbeiten finden.

Können Sie uns kurz erklären, wie das Kunstwerk funktioniert?

Diese kleinen Schubladen kann man öffnen. In jeder Schublade befindet sich eine kleine Karte zu verschiedenen Themen, wie Behinderung, Sexualität, Normalität oder „abgestempelt sein“. Auf der Rückseite steht dazu eine Frage, die zum Nachdenken anregen soll. Zu jedem dieser Themen gibt es einen Flyer mit weiterführender Information, Fotos und Eindrücken aus unserer Arbeit mit den Klienten. Die Themen haben wir in unserer Gruppe aufgearbeitet. Das Werk soll dazu anregen, bestimmte Sichtweisen zu reflektieren.

Das klingt nach einem ambitionierten Projekt. Gerade über Sexualität für Menschen mit Beeinträchtigung wird kaum in Medien berichtet…

Sexualität für Menschen mit Behinderung ist ein großes Tabu-Thema. Es ist jedoch ein Bedürfnis von uns allen. Jede und jeder hat einen Körper, eine Wahrnehmung des eigenen Körpers und Bedürfnisse. Der Unterschied ist nur, dass diese Bedürfnisse in Verbindung mit Menschen mit Behinderung kaum thematisiert werden. Wir haben das jetzt gemacht, auf ziemlich provokante Art und Weise. Neben Sexualität greifen wir folgende Themen auf.

Beeinträchtigung: „Behindere mich nicht der zu sein, der ich wirklich bin!“ Man geht oft davon aus, dass eine Behinderung auch einen negativen Lebensstil, schlechte Erfahrungen mit sich bringt, oder bedeutet, dass man nicht glücklich sein kann. Wir haben zusammen mit unseren Klienten herausgefunden, dass dies nicht so ist. Glück ist ein subjektives Empfinden, das alle fühlen können, auch unsere Klienten. Es gibt in dieser Hinsicht sehr viele Vorurteile über Menschen mit Behinderung.

Normalität: Bei dieser Schublade steht die Frage im Mittelpunkt: „Was ist normal und was bedeutet es nicht normal zu sein?“ Auch hier haben wir zusammen mit unserer Gruppe Ideen gesammelt. Herausgekommen ist, dass sich alle im jeweiligen Dasein normal fühlen. Und das ist das Einzige, das zählt. Wer ist normal, du oder ich? Alle sind normal in ihrer Normalität.

Abstempeln: Menschen mit Behinderung werden sehr oft abgestempelt. Man geht davon aus, dass sie krank sind, Medikamente nehmen müssen, um ausgeglichen zu sein und viele andere Dinge, ohne jedoch den Menschen hinter der Behinderung zu kennen. Das Behindertsein steht ganz oft vor dem Menschsein. Das ist schade, weil man dem Menschen so die Möglichkeit nimmt, sich zu entfalten und sein Leben zu leben.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, dass sich das ändert?

Das ist eine komplexe Frage. Ich denke es braucht sehr viel Sensibilisierungsarbeit. Mit unserem Werk möchten wir den ersten Schritt in diese Richtung machen. Es geht auch darum eine gewisse Distanz zu Menschen mit Behinderung abzubauen. Vielleicht gelingt es uns in dieser Hinsicht auch in den Schulen über unser Werk zu sprechen. Denn es geht hier um eine Haltung, die man bereits in jungen Jahren erfahren und als Mehrwert mit ins Leben nehmen kann.

Gibt es in Bezug auf das Werk noch einen Herzenswunsch?

Dass das Werk heute hier steht, macht mich sehr froh. Wenn ich unseren “Schädel”, wie ihn unsere Klienten immer nennen, anschaue, erinnere ich mich an alle Gesichter, die bei der Realisierung des Projekts mitgearbeitet haben. Hinter diesem Kopf stecken viele Emotionen: sehr viel Freude und Genugtuung, aber auch etwas Stress, wenn etwas nicht so lief, wie wir es geplant hatten.

Mein Wunsch ist es, dass so viele Menschen wie möglich unser Werk “Schubladendenken” sehen und erkennen, dass in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sehr viel möglich ist, wenn man will. Möglichst viele Menschen sollen durch das Werk auf die Sozialgenossenschaft Efeu stoßen, eine private und relativ kleine Einrichtung im Eisacktal, die mit Menschen mit Wahrnehmungsstörungen arbeitet.

Da wir als Einrichtung auch auf Spenden angewiesen sind, freuen wir uns immer über Unterstützung und finden es schön, neue Menschen kennen zu lernen.

An erster Stelle sollen natürlich unsere Klienten den Mehrwert dieses Projekts erfahren können. Wir möchten mit unseren Klienten die Orte besuchen, wo das Werk gerade ausgestellt wird und die Gruppe so viel wie möglich in diese “Wanderung durch Südtirol” einbeziehen.

Vielen Dank für das Gespräch!