Raiffeisen Nachrichten: Wie sind Sie zu dem Engagement bei der Einkaufsgenossenschaft Emporium gekommen?
Martina Lantschner: Ich war Bürgermeisterin der Gemeinde Karneid, als wir beschlossen haben, Mitglied von Emporium zu werden. So habe ich die Einkaufsgenossenschaft kennengelernt. Nach den fünf Jahren als Bürgermeisterin wurde ich gefragt, ob ich als Vertreterin der Gemeinde im Verwaltungsrat von Emporium mitarbeiten möchte. Das hat sich angeboten, und man hat mich gerne aufgenommen.
Wie bringen Sie sich im Gremium ein?
Bei allen Themen und Fragestellungen, die für Gemeinden relevant sind, kann ich mich gut einbringen. Umgekehrt gibt es auch Themen aus dem Verwaltungsrat, die mit den Gemeinden rückgesprochen werden sollten.
Welche Situation haben Sie bisher als besonders herausfordernd erlebt?
Emporium setzt als Einkaufsgenossenschaft im Lebensmittelsektor stark auf regionale Produkte. Geplant war, dass die Küchen mit Laptops ausgestattet werden, über die sie täglich die Angebote lokaler Anbieter einsehen können. Hier sind wir leider in Verzug. Bisher ist das Seniorenheim in St. Pauls als Pilotprojekt gestartet, weitere werden folgen. Uns ist es sehr wichtig, dass regionale Lebensmittel in Seniorenheime, Kindergärten und Mensen gelangen.
Emporium arbeitet also als Schnittstelle zwischen Mensen und regionalen Produzenten?
Ja, auf der einen Seite haben wir unsere Mitglieder, die wir beliefern, auf der anderen Seite die Lieferanten. Uns ist es wichtig, auch Südtiroler Produzenten als Lieferanten aufzunehmen. Diese sind meist kleiner und können nicht ganzjährig alle Produkte anbieten. Dafür liefern sie saisonal, regional, mit hoher Qualität und kurzen Transportwegen. Das ist uns besonders wichtig.
Was gefällt Ihnen an der Arbeit im Gremium besonders gut?
Mir gefällt, wie wir im Gremium positioniert sind. Wir sind ein starkes Team und arbeiten sehr gut zusammen. Bis heute wurden alle Beschlüsse einstimmig gefasst, es gab keine Reibereien oder Unstimmigkeiten. Unser Präsident Norbert Bertignoll bringt sehr viel Erfahrung mit – er war 2008 der Impulsgeber für die Gründung von Emporium. Seit einem halben Jahr haben wir zudem einen neuen Direktor, auch mit ihm ist die Zusammenarbeit sehr angenehm. Bei Bedarf tauschen wir uns zwischen den Sitzungen aus, ansonsten treffen wir uns einmal im Monat zur Verwaltungsratssitzung.
Und wie erleben Sie Ihre Rolle als Frau im Gremium?
Wir sind zwei Frauen im Gremium und werden beide voll akzeptiert – auf Augenhöhe mit den anderen Mitgliedern.
Profitieren Sie von Ihrer Erfahrung als Bürgermeisterin?
Ja, auf jeden Fall, in meiner Legislatur waren wir in der Minderheit von insgesamt 116 Bürgermeisterinnen gab es nur neun Frauen.
War Frausein jemals ein Hindernis für Ihren Erfolg?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich immer akzeptiert gefühlt und hatte auch nie das Gefühl, etwas bekommen zu haben oder nicht, nur weil ich Frau bin. Mir geht es immer darum, Menschen helfen zu können, also nahe am Menschen zu sein und das ist auch bei Emporium so. Wir versuchen, unser Bestes zu geben, damit sich einerseits die Verwaltungen leichter tun und andererseits alle Betreuten gute Produkte erhalten.
Was fällt Ihnen besonders leicht?
Ich bin sehr gerne mit Menschen zusammen, insbesondere mit der älteren Generation. Ich versuche zu vermitteln und dort Hilfestellung zu geben, wo sie gebraucht wird.
Wie gehen Sie mit Herausforderungen um?
Das kommt auf die Herausforderung an (lacht). Meist versuche ich, mich intensiv hineinzuknien und mein Netzwerk zu nutzen.
Was war bisher die größte Herausforderung in Ihrem Leben?
Ich denke, das war die Entscheidung, als Bürgermeisterin zu kandidieren.
Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?
Nein, nie. Ich bin froh über diese fünf Jahre. Ich bin damals ins kalte Wasser gesprungen, habe unglaublich viel gelernt und sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht. Heute möchte ich diese Zeit nicht missen. Es war allerdings sehr herausfordernd, insbesondere wenn man Familie hat und gleichzeitig beruflich eingebunden ist.
Bei der darauffolgenden Wahl habe ich zwar noch für den Gemeinderat kandidiert, wollte aber nicht mehr an vorderster Stelle stehen – auch wegen der großen Verantwortung. In einer solchen Funktion ist man jeden Tag dankbar, wenn nichts Größeres passiert. Heute werden viele Dinge zur Anzeige gebracht, es braucht immer einen Verantwortlichen, während Eigenverantwortung oft fehlt. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang, dass ich großes Glück hatte, dass während des Sturmtiefs Vaia nicht mehr passiert ist. Dank eines starken Teams und engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist alles gut gelungen.
Stichwort Familie: Wie haben Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemeistert?
Vor meiner Kandidatur als Bürgermeisterin habe ich das ausführlich mit meiner Familie besprochen. Mein Sohn war zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsen, mein Mann führt einen eigenen Betrieb. Beide haben immer hinter mir gestanden und mich nie eingeschränkt. Als mein Sohn noch kleiner war und ich Vollzeit gearbeitet habe, konnte ich zudem auf die Unterstützung meiner Eltern zählen – sie haben mir den Rücken freigehalten.
Was bedeutet Führung für Sie?
Führung bedeutet für mich, ein gutes Gespür für Menschen zu haben, sie einzubeziehen und als Team zu arbeiten. Es geht nicht darum zu sagen: „Ich bin die Führungskraft und bestimme alles.“ Führung heißt, gemeinsam zu gestalten, zu besprechen und umzusetzen – und alle mitzunehmen.
Wie erleben Sie Macht?
Macht ist für mich eher negativ besetzt. Mir war zwar bewusst, dass ich als Bürgermeisterin die erste Bürgerin der Gemeinde war, aber ich habe das nie ausgenutzt und bin nie im Alleingang vorgegangen. Auch heute in den Gremien von Emporium oder der Peter-Paul-Schrott-Stiftung steht die Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Besonders in meiner Rolle als Referentin des Seniorenheims Steinegg versuche ich gemeinsam mit dem Team das Beste zu erreichen. Ich sage immer: Diese Menschen dort haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute so gut dastehen – deshalb ist es mir wichtig, mich für sie einzusetzen.
Gibt es Momente, in denen Sie sich besonders stark fühlen?
Ja, wenn ich weiß, dass etwas gelungen ist oder ein Beschluss gefasst wurde, der mir wichtig war. Dann bin ich stolz darauf.
Gibt es Menschen, die Sie inspirieren?
Ich denke dabei weniger an große Persönlichkeiten. Bei Emporium sind es der Präsident mit seiner Erfahrung und auch der ehemalige Direktor mit seinem enormen Wissen. Von solchen Menschen kann man viel lernen. Beeindruckend finde ich auch Menschen, die im Stillen ehrenamtlich Großartiges leisten.
Fördern Sie gezielt Frauen?
Ja, wo es nötig ist. Ich bin etwa im Fachbeirat für Soziales im Gesundheitssprengel tätig und setze mich dort entsprechend ein.
Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Ich bin in der Gemeinde Karneid für das Personal zuständig und setze mich dafür ein, dass Frauen mehr Gewicht bekommen, sich gut positionieren können und ein angemessenes Gehalt erhalten. Frauen denken oft anders: Sie sind einfühlsamer und sehen Dinge meist in einem größeren Kontext. Ein Mann, zielgerichtet und sagt: "So tun wir und das müssen wir erreichen" und eine Frau geht oft einen kleinen Umweg und schaut, wen oder was können wir noch einbinden und auf was müssen wir noch achtgeben, um niemanden zu vernachlässigen.
Was macht Sie glücklich?
Wenn ich abends nach Hause komme und weiß, es war ein guter Tag – wenn mir etwas gelungen ist, ich etwas erreicht habe oder jemandem helfen konnte.
Gibt es ein Lebensmotto, das Sie begleitet?
Jeden Tag dankbar aufzustehen und arbeiten gehen zu können – und das Leben dabei nicht zu vergessen.
Was würden Sie einer Frau raten, die überlegt, sich für ein Gremium aufstellen zu lassen?
Ich würde sie ermutigen. Frauen nehmen sich oft zu sehr zurück und sagen: „Das kann ich nicht.“ Genau da versuche ich anzusetzen. Auch bei Emporium habe ich eine Kollegin gezielt angesprochen und zur Mitarbeit im Verwaltungsrat motiviert – mit Erfolg.
Und wie gewinnt man Männer für Familienarbeit?
Das ist auch eine Frage der Generation. Ich erlebe, dass junge Väter heute bewusster Verantwortung übernehmen und sich mehr Zeit für Familie und Haushalt nehmen.
Wenn Sie sich in drei Begriffen beschreiben müssten?
Zielstrebig, einfühlsam und manchmal ungeduldig.
Vielen Dank für das Gespräch!

