Wenn man Sie fragt: Was ist Murx? Was antworten Sie?
Murx ist das, was wir – Antonia Tinkhauser und ich – uns als Kinder erträumt haben: ein Ort, wo man sich auf seinen Weg auf die Bühne vorbereiten und all das lernen kann, was man im normalen Schulalltag nicht findet: Schauspiel, Tanz, Theater und Bühne. Das war der Grundgedanke. Mittlerweile sind wir eine große Schule, die kleinere und größere Produktionen macht, immer mit dem Ziel zu zeigen, was die Kinder gelernt haben.
Wie sieht ein typischer Tag bei der Sozialgenossenschaft Murx aus?
Am Vormittag herrscht Bürobetrieb, da erledigen wir die anfallenden Verwaltungstätigkeiten. Während der Schulzeit unterrichten wir am Nachmittag in zwei, inzwischen oft in drei Studios parallel: Ballett, Hip-Hop, Jazz, Gesang, Schauspiel oder Musical. Wir unterrichten die ganze Woche, wie an einer Musikschule.
Im Sommer bieten wir hingegen spezielle Wochen an, etwa Musical- oder Tanzwochen für alle, die vor Schulbeginn noch einmal alles auffrischen und vertiefen möchten. Diese Wochen bieten wir auch an anderen Orten Südtirols an, um Musical bekannter zu machen.
Was lernen Kinder und Jugendliche zusätzlich zu Tanz, Gesang, Musical und Schauspiel?
Vieles. Von den Schulen bekommen wir Rückmeldungen, dass Murx-Kinder mutiger auftreten und sich beim Sprechen leichter tun. Viele Kinder, die sich in bestimmten Schulfächern vielleicht nicht so leichttun, finden hier ihr Zuhause im Tanzen und Singen. Hier können sie sagen: Da bin ich gut. Und es gibt keine Rügen, weil ich nicht brav oder nicht gut bin. Es ist ein Ort, wo viele Kinder einen wichtigen Platz in ihrem Leben finden.
Welche Momente sagen Ihnen: Ja, genau deswegen machen wir das?
Es sind viele. Die wunderschönsten Momente sind, wenn man sieht, dass jemand, von dem man weiß, dass er es im Leben oder in der Schule gerade schwer hat, hier zu den Besten zählt, Solos oder Hauptrollen übernimmt und ein unglaubliches Engagement beim Training zeigt. Das ist oft sehr berührend, und von solchen Momenten und Entwicklungen zehren wir auch.
Wie ist die Murx Academy entstanden?
Vor 15 Jahren spielten Antonia Tinkhauser und ich zusammen in einer Produktion der Vereinigten Bühnen Bozen, und nebenher unterrichteten wir bereits. Wir standen beide im Beruf, sie als Schauspielerin, ich als Musicaldarstellerin, und kannten die Realität in unseren Jobs. Als ich von hier weggegangen bin, um Aufnahmeprüfungen zu machen, hatte ich keine Vorbildung, kein Training und im Vergleich zu anderen kein Know-how. Da haben wir beide gesagt: Wir müssen etwas für eine professionelle Vorbereitung tun. Da es aber nirgends Platz für uns gab, haben wir beschlossen, selbst etwas zu machen. Und so ist alles entstanden.
Wie kann man sich diese Anfangszeit vorstellen? Was war herausfordernd?
Wir waren so getrieben von Leidenschaft und Tatendrang, dass wir es gar nicht als herausfordernd empfunden haben. Inzwischen sind wir recht groß geworden, und der unternehmerische Aspekt ist nicht zu ignorieren. Den muss man auch bedienen. Wir hatten immer großartige Menschen um uns, die das Projekt gemeinsam mit uns in Etappen weitergetrieben haben. Dann ist Antonia gestorben. Das war meine, unsere größte Herausforderung.
Was ist von Eurer gemeinsamen Vision heute noch da?
Antonia wollte eine Theaterproduktion in Südtirol etablieren, eine Plattform für Theater. Für mich war immer schon der Ausbildungsaspekt wichtig, und deswegen heißt es ja auch Murx Theater und Academy. Das hat sich so entwickelt und ist ineinandergeflossen. Wir haben alles zusammen gemacht: das Unterrichten, das Spielen, alles. Und da ich sie nicht ersetzen kann, liegt der Fokus inzwischen stärker auf dem Ausbildungsaspekt.
Unsere Shows sind ein Schaukasten für das Erlernte. An der Vision hat sich jedoch nichts verändert. Die Vision ist nach wie vor: ein großes Haus, in dem tagsüber gelernt und geprobt und am Abend gespielt wird – am liebsten mitten in Eppan. (lacht)
Inzwischen bilden Sie im Jahr rund 400 Kinder aus. Was bedeutet das für Sie?
Mir fällt das gar nicht so auf, denn in den Klassen sind zwischen zehn und 15 Kinder. Aber natürlich, wir Lehrpersonen haben einen dicht gedrängten Lehrplan, und irgendwann kommt man auf so viele Kinder. Ich hätte mir nie gedacht, dass wir so weit kommen.
Inzwischen bieten wir bei bestimmten Kursen zwei Trainings pro Woche an und arbeiten beispielsweise beim Ballett bereits am dritten Training. Dabei sind selbst zwei Trainings noch wenig. Wer beruflich in diese Richtung gehen möchte, wird von uns gezielt gefördert.
Welchen Wert hat Murx für die Gemeinschaft in Südtirol?
Wir bieten ein breit gefächertes Angebot im Bereich der darstellenden Kunst mit Lehrpersonen, die Gesang, Tanz oder Schauspiel studiert haben und davon leben. Das gibt es in Südtirol sonst nirgends. Andererseits sind wir ein Ort, wo Kinder und Jugendliche sich wohlfühlen und sein können, wie sie sind. Viele treffen hier ihre Freunde und sagen: „Na, da ist mein Daheim, und wenn ich die Couch daheim hätte, würde ich 24/7 drauf sitzen.“
Aus dem Verein wurde eine Sozialgenossenschaft. Warum?
Das war ein notwendiger gesetzlicher Schritt, weil die Vereinsform zum Erliegen gekommen ist. Wir standen vor der Entscheidung, eine Firma zu gründen oder den Vereinsgeist weiterzuführen. Für uns war klar, dass wir den Vereinsgeist weiterführen wollen, denn wir sind nicht gewinnorientiert. Was wir anbieten, soll für alle offen sein – natürlich auf einem hohen Niveau, aber es ist ein Dienst an der Gemeinschaft. Deshalb haben wir eine Sozialgenossenschaft gegründet. Sollte Murx irgendwann beschließen, seine Tätigkeit einzustellen, dann bleibt uns nichts außer Ruhm und Ehre und viele schöne Jahre eines großartigen Jobs.
Sozialgenossenschaft auch deshalb, weil es uns um die Kinder und Jugendlichen geht. Wir sind der Meinung: Die Erwachsenen dürfen auf sich selbst schauen. Wir fangen viele Kinder und Jugendliche auf, die es nicht immer ganz leicht haben mit Themen wie Depressionen, Schwierigkeiten mit dem eigenen Erscheinungsbild (leider angetrieben durch Social Media) und vielem mehr. Über die darstellende Kunst können sie aus ihrem echten Leben raus und haben die Möglichkeit, sich von einer ganz neuen Seite zu zeigen. Und oft hilft ihnen das wiederum in ihrem eigenen Leben.
Was bedeutet Genossenschaft für Sie?
Die Mitglieder unserer Sozialgenossenschaft sind die Lehrpersonen, Künstlerinnen und Künstler sowie Musikerinnen und Musiker, also alle, die bei uns bezahlt arbeiten. Das sind übers Jahr verteilt ziemlich viele. Wir haben Produktionen mit Live-Musikern, Maskenbildnern, Kostümbildnern und vielen Technikern. Für jede Bühnenproduktion braucht es einen ganzen Stab hinter der Bühne und natürlich das unterrichtende Personal.
Heuer haben wir auch viele Dozentinnen und Dozenten, die wir aus dem Ausland holen, weil wir sagen: Wir wollen den Horizont erweitern. Die Kinder und Jugendlichen, die unsere Kurse besuchen, sind die Nutznießer. Sie profitieren von dem, was wir als Genossenschaft tun.
Und warum haben Sie sich für die Mitgliedschaft beim Raiffeisenverband entschieden?
Mein Ursprungsberuf ist Musicaldarstellerin, daher kann ich vieles auf der Bühne gut. Ich bin nicht die geborene Unternehmerin und deshalb froh über die Hilfe des Raiffeisenverbandes, mit der wir uns unternehmerisch weiterentwickeln können. Ich fühle mich gut betreut, weil der Kontakt auf Augenhöhe ist. Wir werden in den unterschiedlichsten Aspekten sehr gut begleitet.
Wie sehen Sie die Entwicklung von Murx in den kommenden zehn Jahren?
Falls alle Wünsche in Erfüllung gehen, sind wir an einem Ort mit mindestens drei gleichwertigen, großen Tanzstudios auf mindestens 500 Quadratmetern. Vormittags finden junge Erwachsene nach der Matura bei uns eine Berufsausbildung in Tanz, Gesang und Schauspiel. Das wäre mein Traum. Am Nachmittag halten wir die Kinder- und Jugendkurse ab. Und auf der dazugehörigen Bühne präsentieren wir das Erlernte. Ja, genau so etwas suchen wir gerade.
Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei der Umsetzung!

