Das Sarntal verfügt über einige Wasserkraftwerke und damit auch viele Menschen, die offen und kompetent in diesem Bereich sind, ist Andreas Gross, Obmann der Energiegemeinschaft Sarntal+, überzeugt. Andreas Gross hat die Entwicklung der Energiegemeinschaft von Beginn an maßgeblich mitgestaltet: „Wir sind auf die Idee gekommen im Austausch unter Photovoltaik-Kollegen, weil wir im Sommer 2024 gehört haben, dass es auch in Italien eine Möglichkeit für Energiegemeinschaften gibt. Auch wenn anfangs einiges an Überzeugungsarbeit notwendig war, fanden sich nach kurzer Zeit 13 Gründungsmitglieder, welche mit Überzeugung hinter der Energiegemeinschaft Sarntal+ stehen. Der Raiffeisenverband hat uns bei der Überzeugungsarbeit und Gründung mit seiner fachlichen Expertise unterstützt“, so der Obmann im Rückblick.
Energiegemeinschaften sind Zusammenschlüsse von Haushalten, Betrieben und öffentlichen Einrichtungen innerhalb eines Einzugsgebietes, die Förderungen erhalten für die Produktion und Nutzung von erneuerbarer Energie.
Die Ausgangslage für eine Energiegemeinschaft im Sarntal war Gross zufolge ideal, da das gesamte Tal innerhalb einer sogenannten Primärkabine (Umspannwerk von Hoch- auf Mittelspannung) liegt. Ende August 2024 erfolgte die notarielle Gründung als gemeinnützige Genossenschaft. Heute zählt die Gemeinschaft rund 250 Mitglieder – darunter etwa 70 Betriebe, die als Produzenten fungieren. 70kW sind inzwischen offiziell registriert, 700kW wurden dem GSE mitgeteilt/geschickt. 1337kWp müssten es demnächst sein, und 2000kWp ist das Ziel bis 2027.
Wie das Modell funktioniert
Das Prinzip ist einfach und innovativ: Produziert ein Mitglied – etwa mit einer Photovoltaikanlage am Dach – Strom, der nicht zeitgleich selbst verbraucht wird, wird dieser ins öffentliche Netz eingespeist. Wird dieser Strom innerhalb derselben Primärkabine gleichzeitig von einem anderen Mitglied verbraucht, gilt er als „virtuell geteilt“. Für jede so ausgetauschte Kilowattstunde erhält die Energiegemeinschaft eine staatliche Förderung, die anschließend nach einem festgelegten Schlüssel an die Mitglieder verteilt wird. Gross unterstreicht: „Wir verkaufen keinen Strom und betreiben keine eigenen Netze. Wir leben ausschließlich von den Förderungen für den lokalen Energieaustausch.“ Diese Förderungen sind für 20 Jahre garantiert. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass mindestens 50 Prozent der erhaltenen Mittel an private Haushalte ausgeschüttet werden. Für einen durchschnittlichen Haushalt könne das laut Gross „realistischerweise 50 bis 100 Euro oder mehr pro Jahr bedeuten – ohne dass man selbst investieren muss.“ Er verweist darauf, dass für die Mitglieder dabei keine zusätzlichen Kosten oder Risiken entstehen.
Während die Gründung reibungslos verlief, erwies sich die Registrierung der Mitglieder beim staatlichen Netzbetreiber GSE (Gestore dei Servizi Energetici) als größere Hürde. Für jedes Mitglied mussten umfangreiche Daten – von der POD-Nummer über IBAN bis zu Katasterdaten – eingereicht werden. „Die Meldungen sind im Moment das herausforderndste aus meiner Sicht“, sagt Gross offen. Zwar seien mittlerweile Vereinfachungen in Kraft, dennoch sei die Gemeinschaft administrativ rund eineinhalb Jahre im Rückstand. Von rund 700 kWp bereits aktiver Anlagen seien bisher nur etwa 70 offiziell registriert – und damit förderfähig. Die Auszahlungen sollen jedoch rückwirkend erfolgen.
Regionale Ausweitung
Obwohl der Name auf das Sarntal verweist, reicht das Einzugsgebiet darüber hinaus. Teile von Ritten, Karneid, Eggental, Völs und Tiers sind ebenfalls integriert und Teil der EGG Sarntal+. Gerade für Gemeinden mit aufgeteilten Netzgebieten bietet die bestehende Struktur Vorteile, da keine eigene Verwaltung aufgebaut werden muss.
Ein prominentes Mitglied der Energiegemeinschaft Sarntal+ ist etwa das Unternehmen Lavarent in Sarnthein, das eine 380-kWp-Anlage betreibt. Unter der Woche wird ein Großteil des Stroms selbst verbraucht, Überschüsse kommen der Gemeinschaft zugute.
Perspektiven: Eigene Anlagen und Speicherlösungen
Bislang investiert die Genossenschaft selbst nicht in bestehende Anlagen – diese bleiben im Eigentum der jeweiligen Betreiber. Künftig plant die Energiegemeinschaft jedoch eigene Photovoltaikanlagen mit jeweils rund 100 kWp in Sarntal und im Raum Ritten-Eggental. Diese könnten sich laut Gross innerhalb von fünf bis sechs Jahren amortisieren und zusätzliche Einnahmen generieren.
Auch das Thema Speicherung beschäftigt die Verantwortlichen. „Die Speicherung wäre logischerweise der wichtigste Schritt“, sagt Gross. Derzeit sei sie wirtschaftlich jedoch noch nicht rentabel. Überschüssiger Strom werde daher ins Netz eingespeist, insbesondere im Sommer.
Gemeinschaft als Leitgedanke
Die Energiegemeinschaft versteht sich nicht nur als technisches oder wirtschaftliches Modell, sondern als gemeinschaftliches Projekt. Die Verwaltung übernimmt bewusst die komplexen Aufgaben, während Mitglieder von geringeren Stromkosten profitieren. Gewinne dürfen nicht ausgeschüttet werden, sondern verbleiben in der Genossenschaft.
Regelmäßige Informationsveranstaltungen, Webinare und der Austausch mit anderen Energiegenossenschaften sorgen für Transparenz und Weiterentwicklung. Ziel sei es, mittelfristig die Verbrauchsdaten genauer zu analysieren und den Verteilungsschlüssel weiter zu optimieren. Trotz aller Anfangsschwierigkeiten würde Gross den Schritt jederzeit wieder machen: „Es ist etwas Neues – und genau das hat mich motiviert. Wir haben jetzt einen engagierten Ausschuss mit sechs Personen und wollen das Projekt langfristig weiterentwickeln.“
Die Energiegemeinschaft Sarntal+ steht exemplarisch für eine regionale Energiewende von unten: lokal verankert, gemeinschaftlich getragen und mit dem Anspruch, ökologische und wirtschaftliche Vorteile zu verbinden.


