Raiffeisen Nachrichten: Seit April dieses Jahres arbeiten Sie im Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse Lana. Wie kam es dazu?
Anna Tribus: Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mich als Verwaltungsrätin einzubringen und für den Verwaltungsrat zu kandidieren.
Es war für mich sehr überraschend und unerwartet: Im April 2023 habe ich mein Studium abgeschlossen, im Mai folgte das Praktikum und anschließend habe ich die Staatsprüfung beim ersten Versuch bestanden. Kurz darauf wurde mir diese Möglichkeit eröffnet. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich mir diese Position zutraue. Gleichzeitig dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Wenn mir diese Aufgabe zugetraut wird, ist das für mich auch ein Zeichen von Vertrauen – und so habe ich mich entschieden, zu kandidieren.
Und wie geht es Ihnen im Gremium?
Sehr gut. Ich sehe es als enorme persönliche Bereicherung. Die Bankenwelt ist komplex: die Strukturen, die Abläufe, das ganze Regulatorische dahinter, vieles ist noch neu für mich.
Im Gremium sind wir eine gemischte Gruppe aus verschiedenen Branchen und Altersgruppen. Und egal, ob jünger oder älter, Mann oder Frau: Jede Meinung ist willkommen.
Konnten Sie sich bereits einbringen?
In den ersten Monaten ging es für mich vor allem darum, einen Überblick zu bekommen und mich einzuarbeiten. Es braucht einfach seine Zeit, bis man wirklich drinnen ist.
Persönliche Anliegen und eigene Impulse möchte ich natürlich im Laufe der nächsten Monate zunehmend in die Gespräche und Diskussionen einbringen.
„Ich glaube, verloren haben wir schon, wenn wir es gar nicht erst versuchen. Wir haben auf dem Papier die gleichen Voraussetzungen wie Männer, und es gibt genügend kompetente Frauen. Warum sollten wir es uns also nicht selbst zutrauen?“
Woran denken Sie dabei?
Ich sehe, dass die Bankenwelt komplex und von außen nicht immer leicht greifbar ist. Ich finde es wichtig, gerade der jungen Generation die Bankenwelt näherzubringen und ihr zu zeigen, welche Themen und Entscheidungen dahinterstehen.
Sie möchten das Bankenwesen auch jungen Menschen verständlicher machen?
Ich bin mit Abstand die Jüngste im Verwaltungsrat und denke, dass es wichtig ist, junge Menschen zu motivieren, sich mit diesen Themen zu befassen und sich auch aktiv einzubringen. Denn das Bankenwesen und seine Entscheidungen betreffen auch die jüngere Generation ganz unmittelbar.
Wie sehen Sie als junge Frau das Thema Frauen in Führungsgremien?
Ich finde es wichtig, dass Frauen in Führungsgremien vertreten sind und dort ihre Perspektiven einbringen.
Die Frauenquote war sicher wichtig und richtig, als sie eingeführt worden ist. In der Raiffeisenkasse Lana zeigt sich aber, dass Frauen mittlerweile auch über die vorgeschriebene Quote hinaus im Verwaltungsrat vertreten sind: Laut Statut müssten zwei von sieben Plätzen mit Frauen besetzt sein, wir sind aber zu dritt.
Niemand möchte nur der Quote wegen ins Gremium kommen. Ich finde, die Kompetenz zählt – und es gibt genügend kompetente Frauen.
Für mich geht es deshalb weniger um die Frauenquote an sich, sondern vielmehr darum, Frauen zu fördern und zu motivieren, zu kandidieren und sich aktiv einzubringen. Ich habe mir selbst die Frage gestellt: Bekomme ich als so junge Frau überhaupt das Vertrauen? Bringe ich die nötige Kompetenz mit? Ich glaube, Frauen hinterfragen sich in solchen Situationen oft kritischer als Männer.
Aber ich wollte es versuchen. Denn wenn ich mich der Wahl stelle und nicht gewählt werde, habe ich es zumindest versucht. Wenn ich es aber gar nicht erst versuche, bekomme ich auch nie die Chance.
„Niemand möchte nur der Quote wegen ins Gremium kommen. Ich finde, die Kompetenz zählt – und es gibt genügend kompetente Frauen.“
Der Erfolg bei der Wahl gab Ihnen Recht...
Dass ich so viele Stimmen bekommen würde, hätte ich nicht erwartet. Mir war bewusst, dass vor allem die Generation meiner Eltern zur Wahl geht und weniger junge Menschen meiner Generation. Umso mehr hat es mich überrascht und gefreut, dass ich so viel Unterstützung bekommen habe. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar.
Gleichberechtigung funktioniert meist sehr gut, solange keine Kinder da sind. Sie haben noch keine Kinder. Haben Sie dennoch schon Vorstellungen davon, wie Sie Familie und Beruf einmal vereinbaren möchten?
Für mich kommt es nicht infrage, nur weil ich eine Frau bin, automatisch zu Hause zu bleiben. Dafür habe ich zu viel Zeit und Energie in meine berufliche Laufbahn investiert. Das war mein Ziel, und ich habe es konsequent verfolgt. Wie es dann tatsächlich sein wird, wenn ich selbst Kinder habe, kann ich heute natürlich noch nicht sagen.
Für mich sollte es aber eine gleichberechtigte Entscheidung beider Elternteile sein, wie sie Beruf und Familie vereinbaren.
Also 50:50?
Ob 50:50 gerade in den ersten Jahren realistisch ist, weiß ich nicht. Aber ich finde schon, dass auch ein Mann beruflich einmal zurückstecken kann, um der Frau den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.
Sind junge Männer Ihrer Generation gegenüber Familienarbeit aufgeschlossener?
Ja, das merke ich auch in meinem Freundeskreis. Viele meiner Freundinnen möchten nicht ausschließlich zu Hause bleiben. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass auch bei den Männern ein Umdenken stattfindet und das Thema offener diskutiert wird.
„Den Genossenschaftsgedanken finde ich wunderschön: Menschen aus unterschiedlichen Branchen und Altersgruppen kommen zusammen, bringen ihre Meinungen ein und suchen gemeinsam nach Lösungen.“
Was war bisher die größte Herausforderung in Ihrem Leben?
Was Nerven und Energie betrifft, eindeutig die Staatsprüfung (lacht). Das waren intensive Monate der Vorbereitung, und in dieser Zeit gab es für mich eigentlich nichts anderes als Lernen. Trotzdem sehe ich die Staatsprüfung weniger als Herausforderung im eigentlichen Sinne, weil es etwas war, das ich mir selbst vorgenommen hatte. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, möchte ich am Ende des Tages mit gutem Gewissen sagen können: Ich habe alles dafür getan und ich habe es versucht.
Woher nehmen Sie die Energie für ehrgeizige Ziele?
Das frage ich mich selbst oft. Ich bin ein sehr hartnäckiger Mensch: Wenn ich etwas will, mache ich alles dafür und ziehe es durch. Das war schon während meines Studiums so und auch bei der Staatsprüfung. Ziel war es, die Staatsprüfung bis zu meinem 30. Lebensjahr zu bestehen. Geschafft habe ich es bereits mit 26.
Was bedeutet Macht für Sie?
Positiv betrachtet bedeutet Macht für mich die Möglichkeit, etwas zu gestalten, zu bewegen und aktiv mitzuwirken. Gleichzeitig trägt man im Gremium auch Verantwortung für das Vertrauen, das einem bei der Wahl entgegengebracht wurde.
Und was bedeutet es für Sie, sich für eine Genossenschaft zu engagieren?
Eine Genossenschaft ist eng mit ihren Mitgliedern und der lokalen Wirtschaft verbunden. Daher geht es darum, die konkreten Anliegen und Bedürfnisse der Mitglieder in den Mittelpunkt zu stellen. Die Herausforderung besteht darin, Bewährtes zu erhalten und gleichzeitig offen für Neues zu sein. Gesellschaft und Wirtschaft verändern sich derzeit sehr schnell. Wenn wir zuhören und die unterschiedlichen Branchen, Generationen und Meinungen zusammenbringen, können wir unsere „Macht“ verantwortungsvoll im Interesse der Mitglieder einsetzen.
War die Unternehmensform Genossenschaft mit ein Grund für Sie, für den Verwaltungsrat zu kandidieren?
Ja, ich habe mich sehr mit dem Thema Genossenschaftsbank auseinandergesetzt. Den Genossenschaftsgedanken finde ich wunderschön: Menschen aus unterschiedlichen Branchen und Altersgruppen kommen zusammen, bringen ihre Meinungen ein und suchen gemeinsam nach Lösungen. Genau das macht für mich eine Genossenschaft aus. Und ich finde es wichtig, diesen Gedanken auch für die Zukunft zu bewahren.
„Positiv betrachtet bedeutet Macht für mich die Möglichkeit, etwas zu gestalten, zu bewegen und aktiv mitzuwirken. Gleichzeitig trägt man im Gremium auch Verantwortung für das Vertrauen, das einem bei der Wahl entgegengebracht wurde.“
Was bedeutet Führung für Sie?
In einer Genossenschaftsbank bedeuten Führung und Macht für mich vor allem Verantwortung. Es geht darum, die Bank im Rahmen der statutarischen Vorgaben zu führen und dabei stets im Interesse der Mitglieder zu handeln.
Haben Sie ein Lebensmotto?
Nein, keines im klassischen Sinn. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, möchte ich es für mich erreichen oder zumindest am Ende sagen können: Ich habe alles dafür getan.
Mit welchen drei Eigenschaften würden Sie sich selbst beschreiben?
Zielstrebig, zuverlässig und hartnäckig.
Wo finden Sie Ausgleich zu Ihrer Arbeit?
In den Bergen und in der freien Natur, mit Freunden und Familie. Im Sommer beim Wandern, im Winter beim Skifahren – einfach einmal den Kopf ausschalten. Unter der Woche finde ich meinen Ausgleich bei Musikproben und Konzerten. Ich spiele Alt-Saxofon bei der Bürgerkapelle Lana und der Bauernkapelle Völlan.
Was möchten Sie anderen Frauen mitgeben, die darüber nachdenken, sich in einem Führungsgremium zu engagieren?
Es einfach zu versuchen. Ich glaube, verloren haben wir schon, wenn wir es gar nicht erst versuchen. Wir haben auf dem Papier die gleichen Voraussetzungen wie Männer, und es gibt genügend kompetente Frauen. Warum sollten wir es uns also nicht selbst zutrauen? Wenn wir es nicht versuchen, werden wir auch nicht in die Gremien kommen und können dort nichts mitgestalten.
Vielen Dank für das Gespräch!


