Raiffeisen Nachrichten: Die Sozialgenossenschaft Mit Bäuerinnen lernen – wachsen – leben ist vor allem Ihr Projekt. Wie kam es zu dieser Initiative?
Maria Hochgruber Kuenzer: Ich war Landesbäuerin und versuchte, für Frauen auf den Höfen Tätigkeiten auf die Füße zu stellen, damit Bäuerinnen ein eigenständiges Einkommen haben – wissend, dass die meisten Höfe den Männern gehören. Kinderbetreuung kam infrage. Wir hatten auch die Idee, die Sommerfrische wieder aufleben zu lassen. Schon bald haben wir jedoch gesehen, dass wir uns dem gesetzlichen Rahmen für Tagesmütter anpassen müssen. Deshalb haben wir uns entschieden, eine Sozialgenossenschaft zu gründen, um das Projekt auf fundierte Säulen zu stellen und ein Einkommen sowie soziale Absicherung laut Kollektivvertrag zu sichern. Der Vorteil war: Für die Tätigkeit als Tagesmutter braucht man kein Kapital, sondern nur persönliches Engagement und Einsatz. Ich wollte immer in die Köpfe der Frauen zu investieren. Weitere Möglichkeiten für Bäuerinnen schufen wir später mit den Weiterbildungen zur Botschafterin, Referentin oder Gartenführerin.
Neben der Kinderbetreuung gab es von Anfang an Überlegungen, die Dienstleistungen der Sozialgenossenschaft auf andere Gruppen auszudehnen ...
Ja, richtig. Als wir die Genossenschaft am 11. Dezember 2006 gegründet haben, wollten wir das Tätigkeitsfeld dieser Sozialgenossenschaft möglichst offenhalten und weitere Tätigkeiten aufnehmen: die landwirtschaftliche Lebensberatung, die Betreuung von Senior*innen oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Essen in der Nachbarschaft – das wird noch kommen.
Es war im Nachhinein ein Glücksfall, dass wir die Genossenschaft nicht exklusiv für Bäuerinnen organisiert haben, sondern auch Frauen, die Kinderbetreuung mit Naturpädagogik anbieten, mit einbezogen haben. Heute sind unsere Mitglieder zur Hälfte Bäuerinnen und zur Hälfte Frauen, die ihre Tätigkeit auf Basis der Naturpädagogik umsetzten. Sie ergänzen sich gut. Die Natur in all ihren Facetten steht im Mittelpunkt unserer Tätigkeiten.
Der Name der Sozialgenossenschaft lautet weiterhin „Mit Bäuerinnen lernen – wachsen – leben“ ...
Ja, der Titel irritiert manchmal, weil interessierte Familien sofort an Tagesmütter auf einem Bauernhof denken. Vermitteln wir eine Tagesmutter mit Naturpädagogik ohne Bauernhof, kommen Fragen wie: „Ist das nicht ein Bauernhof? Ist das nicht eine Bäuerin?“ Dann erklären wir, dass es um „Mit der Natur lernen – wachsen – leben“ geht. Klar, gewachsen ist die Genossenschaft aus der Bäuerinnen-Organisation heraus. Und der Name der Genossenschaft ist nach wie vor so eingetragen.
Sie persönlich sind auf einem Bauernhof mit vielen Geschwistern aufgewachsen. Bekamen Sie das Thema Kinderbetreuung in die Wiege gelegt?
Ja, obwohl ich laut meiner Mama keine gute „Kindsin“ war, im Gegensatz zu meiner zwei Jahre älteren Schwester. Die Sozialkompetenz ist mir mitgegeben worden. Ich war die Vierte von 14 – elf Geschwister leben noch. Da hieß es früh, Verantwortung zu übernehmen und auf die Jüngeren aufzupassen.
Woher kommt Ihr Bedürfnis, Initiative zu ergreifen?
Mein Vater war selbstständiger Maurermeister und meine Mutter hat den Hof versorgt, heute würde man sagen als Selbstversorgerin. Das Unternehmerische kommt sicherlich von diesem „Etwas tun“. Mein Vater hat Neues geschaffen, Verantwortung übernommen und uns die Freude mitgegeben, etwas zu tun. Ich sah es nie als Belastung an, Verantwortung zu übernehmen. Auch jetzt trage ich Verantwortung: Die Genossenschaft betreut inzwischen knapp 800 Kinder im Monat, mit 140 Tagesmüttern. Das hindert mich aber nicht daran, zu handeln und etwas zu schaffen.
Das war auch so, als ich den Bauernmarkt in Bruneck initiiert habe. Ich machte das nicht, weil mein Mann mir kein Geld gegeben hat, sondern weil ich aus dem Gemüse- und Kräuterbau etwas machen wollte. Das zu verkaufen oder auch Dinge für Bäuerinnen zu organisieren, war die größte Freude.
Und wie kam es zum Engagement als Präsidentin der Sozialgenossenschaft?
Auch das habe ich initiiert und den Landesbäuerinnen-Rat immer wieder gefragt, ob sie uns Geld leihen, weil wir für die Gründung kein Geld hatten. Sie haben uns vertraut, und dann war es fast selbstverständlich, dass ich die Präsidentschaft übernehme, weil ich von Anfang an große Begeisterung für das Projekt zeigte.
Und wenn Sie zurückblicken: Worauf sind Sie heute stolz?
Auf das Wachsen. Auch in der Natur ist es schön zu sehen, wie etwas wächst und heranreift. Es macht mich stolz, dass die Genossenschaft heute gut dasteht. Als wir die Genossenschaft gegründet haben, mussten wir für die Machbarkeitsstudie des Raiffeisenverbandes erklären, wie wir es schaffen, schwarze Zahlen zu schreiben. Die ersten drei Jahre haben wir das nicht geschafft, obwohl wir alle ehrenamtlich gearbeitet haben und nur die Tagesmütter bezahlt haben. Aber danach ist der Dienst kontinuierlich gewachsen. Wir haben immer wieder Ausbildungen angeboten und Leute motiviert, die Ausbildung zu machen. Auch das war nicht leicht. Die Bäuerinnen haben nicht eingesehen, warum sie 460 Stunden Weiterbildung mit Praktikum machen sollten. Mit zunehmender Bekanntheit der Tätigkeit und des Berufes ist es immer besser geworden.
Inzwischen ist dieses Angebot ein Selbstläufer ...
Es geht sehr gut, dennoch passen wir uns laufend den Gegebenheiten an. Wir überlegen uns zum Beispiel, für Gemeinden, die zu wenig Kinder für eine Kita haben, Spielgruppen anzubieten. Weitere Überlegungen betreffen generationsübergreifende Projekte, wie derzeit in Ulten. Da besucht die Tagesmutter die Alltagsbegleiterin und bringt Kinder und ältere Menschen zusammen. Selbstläufer ja, dennoch schauen wir immer wieder, was gefragt ist.
Welche Projekte sind in der nächsten Zeit geplant?
Das nächste Projekt – da startet gerade die Ausbildung – ist das Essen in der Nachbarschaft für Senior*innen. Es wird für maximal zehn Personen gekocht, und Seniorinnen kommen zum Essen auf den Bauernhof und können, wenn sie möchten, noch einige Stunden in Gemeinschaft bleiben. Mit dieser neuen Ausrichtung möchten wir außerdem die Rolle der Alltagsbegleiterin stärken, die noch wenig bekannt ist. Wenn ältere Menschen einmal gewohnt sind, hierherzukommen, kommen sie vielleicht auch zur Betreuung. Diese Synergien möchten wir nutzen.
Was waren im Rückblick die größten Herausforderungen für Sie?
Als Unternehmerin bin ich nicht geschult. Das heißt, ich habe viele Fehler gemacht. Ich bin mit dem Kopf durch die Wand, und das hat nicht allen gefallen. Damit habe ich mir auch selbst keinen Gefallen getan. Heute würde ich mich vor allem im Bereich Kommunikation besser schulen.
Wie ist es Ihnen als Frau im männlich dominierten Umfeld der Landwirtschaft ergangen?
Ich habe die Unterschiede gemerkt, wenn ein Mann etwas sagt und wenn eine Frau etwas sagt. Dennoch habe ich meine Projekte durchgezogen und nie Schwächen gezeigt, auch wenn ich belächelt wurde und zeitweise auf sehr großes Unverständnis gestoßen bin.
Das heißt, Sie gehen heute anders mit Herausforderungen um?
Heute lasse ich vieles einfach stehen und gehe trotzdem meinen Weg. Ich würde jeder Frau raten, ihre Persönlichkeit zu stärken. Denn man kann Projekte nicht allein umsetzen, sondern muss andere miteinbeziehen, und dazu braucht es eine positive Kommunikation. Das gilt vor allem auch für die Politik.
Inzwischen habe ich mich mit mir auseinandergesetzt. Dazu war ich beispielsweise auch einen Monat zur Auszeit bei den Benediktinerinnen in Bayern. Und ich habe gelernt, dass die Zeit zum Weitergehen gekommen ist. Und jetzt gehe ich weiter.
War die Auszeit, das Nichtstun, eine der größten Herausforderungen in Ihrem Leben?
Es war eine gute Entscheidung und im richtigen Moment das Richtige für mich. Und ja, anfangs war es ungewohnt. Danach bin ich wieder als Präsidentin der Sozialgenossenschaft eingestiegen. Es gefällt mir sehr gut, nur bin ich manchmal zu schnell – für andere. Gewisse Eigenschaften lassen mich nicht los (lacht).
Führung ist etwas, das Sie schon lange begleitet.
Ja, schon. Ich führe gern.
Was bedeutet Führung für Sie?
Verantwortung und die Freude, gestalten zu dürfen, wissend, dass es auch darum geht, alle mitzunehmen und niemanden im Regen stehen zu lassen. Mich freut es, gestalten zu können, Netzwerke zu pflegen und etwas von der Welt zu sehen bzw. zu sehen, wie die Welt funktioniert.
Welche persönlichen Ziele möchten Sie noch erreichen?
So lange wie möglich gestalten können. Mein Ziel als Bäuerin war es nie, Bezirksbäuerin zu werden. Es hat sich ergeben, und ich habe die Gelegenheit genutzt. Landesbäuerin hat sich ergeben ... Wenn es Gelegenheiten gibt, die für mich passen, dann sage ich ja. Ich weiß inzwischen ganz genau, was ich nicht mehr will: Dazu gehört auch die Politik, das ist Vergangenheit.
Und was macht Sie glücklich?
Sehr vieles macht mich glücklich und dankbar. Wir wohnen in einem alten Haus aus dem Jahr 1516. Dort zu wohnen, schätze ich sehr. Glücklich macht mich auch, dass ich keine großen Herausforderungen in der Familie habe und meine Energie nach außen investieren kann. Das ist ein Geschenk.
Mein Ausgleich war immer mein Mann. Er war der ruhige Pol, und ich hatte das Glück, dass er als Landwirt im Grunde immer da war, wenn es nötig war.
Was sagen Sie Frauen, die sich überlegen, sich in Gremien zu engagieren, es sich jedoch nicht zutrauen?
Ich kann nur sagen, dass mein Engagement außerhalb der Familie immer ein Mehrwert war und ist. Ich habe Sozialkontakte, die mich vielleicht ein Leben lang begleiten, ich bekomme Einblicke in neue Welten, und dadurch relativieren sich eigene Herausforderungen. Also ich glaube, dass es jeder Frau guttut, sich nach außen zu öffnen.
Vielen Dank für das Gespräch!



