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Veronika Skocir: „Führung bedeutet für mich klare Vorgaben und Beteiligung“

Veronika Skocir ist Steuerberaterin, Verwaltungsrätin der Raiffeisen Landesbank und seit November 2025 Obfrau der Sozialgenossenschaft Seniorenwohnheim Villa Eden. Über ihren Einstieg in eine für sie neue Welt, ihr Verständnis von Führung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und warum gerade junge Frauen manchmal weniger zweifeln und einfach machen sollten spricht sie im Interview.

Raiffeisen Nachrichten: Seit nicht ganz einem Jahr arbeiten Sie als Obfrau der Sozialgenossenschaft Seniorenwohnheim Villa Eden.

Veronika Skocir: Ja, seit Anfang November 2025. Vorher war ich bereits Präsidentin des Aufsichtsrates der Genossenschaft und konnte mich so einarbeiten. Das Sozialwesen und die Führung eines Seniorenwohnheims sind schon eine eigene Welt – mit eigenen Verträgen, der Pflege, dem Beitragswesen, der Tagessatzberechnung und vielem mehr.

Zum Seniorenwohnheim gekommen bin ich, weil man Frauen für den neu bestellten Aufsichtsrat gesucht hatte. Im Verwaltungsrat waren bereits Frauen vertreten.

Und wie geht es Ihnen in Ihrer neuen Rolle?

Sehr gut, weil ich von Beginn an Rückhalt von der Direktion und vom Verwaltungsrat hatte und auch ganz viel Zuspruch von den Mitarbeiter*innen bekam. Wenn man diese Akzeptanz spürt, kann man gut starten. Natürlich ist das Aufgabengebiet einer Obfrau noch viel umfassender als das einer Verwaltungs- oder Aufsichtsrätin. Aber es macht mir sehr viel Spaß, weil ich jeden Tag dazulerne. 

Was bedeutet es für Sie, in einer Genossenschaft tätig zu sein?

Bei einer Genossenschaft steht der Mensch im Mittelpunkt. Der Zweck unserer Genossenschaft ist die Betreuung von Senior*innen. Die Mitglieder und Verwaltungsräte bringen ihre Visionen, ihr Wissen und ihre persönlichen Kompetenzen ein. Wir haben Mitglieder aus dem sozialen und kulturellen Bereich, Techniker, Rechtsanwälte oder auch jene die sich persönlich durch einen Freiwilligendienst einbringen. Gemeinsam versuchen wir, die Genossenschaft so zu führen, dass wir den Heimgästen einen guten Wohnort und den Mitarbeitenden einen attraktiven Arbeitsplatz bieten können. Es ist ein spannendes Feld, weil es immer auch um Emotionen geht.

Und wie bringen Sie sich persönlich ein?

Mir ist es wichtig, die Ausstattung des Seniorenheims mit den vorhandenen finanziellen Mitteln zu optimieren. Daran arbeiten wir derzeit in unterschiedlichen Projekten. Ein weiteres Thema, das mir am Herzen liegt, ist die Aromatherapie. Auch die Sterbebegleitung und eine gute Kommunikation zwischen Krankenpflege, Pflege, Tagesgestaltung, Küche und Direktion sind mir wichtig.

Wir haben Gott sei Dank eine sehr fähige und langjährige Direktion und viele Ehrenamtliche, die über 800 Stunden im Jahr leisten. Eine Frau kommt beispielsweise seit 40 Jahren fast jeden Tag zu uns und übernimmt Abenddienste. Sie ist auch Sterbebegleiterin. Ich finde es bewundernswert, mit welcher Freude sie das macht.

Es gibt zahlreiche Anbieter in diesem Bereich. Worin unterscheidet sich das Seniorenwohnheim Villa Eden von anderen?

Das ist schwierig zu sagen. Wir haben eine denkmalgeschützte Struktur, die natürlich das besondere Flair einer Villa hat. Innerhalb dieser Struktur versuchen wir gemeinsam mit den Mitarbeitenden, das Beste für unsere Heimgäste zu realisieren und die Pflege individuell zu gestalten. Jeder Heimgast hat seinen eigenen Charakter und ganz unterschiedliche Bedürfnisse oder Krankheitsbilder. Wir versuchen die Struktur mit Herz zu führen und die Abläufe laufend zu verbessern. Es läuft nicht immer alles rund, aber aus Fehlern kann man lernen und es besser machen.

Sie sind auch Verwaltungsrätin der Raiffeisen Landesbank und haben weitere Aufsichtsmandate. Wie gelingt es Ihnen, alles unter einen Hut zu bringen?

An erster Stelle muss ich sagen, dass ich immer viel Rückhalt von meinem Mann hatte und habe. Meine Töchter sind mit 23 und 25 Jahren bereits ausgeflogen. Ich bringe mich gerne ein, kann gut organisieren und es gefällt mir, immer wieder etwas Neues dazuzulernen. Ich sehe das als Bereicherung.

Wie haben Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf konkret organisiert?

Als die Kinder klein waren, haben mein Mann und meine Eltern viel übernommen und die Kinder untertags betreut – bis zum Ende der Mittelschule. In der Oberschule haben wir zusammen zu Mittag gegessen, dann bin ich wieder ins Büro und die Kinder haben ihre Sachen gemacht. Es war ein Drahtseilakt. Natürlich hat man wenig Zeit für sich selbst, solange die Kinder klein sind. Es braucht viel Energie und man kommt oft an seine Grenzen. Aber ich möchte es nicht missen. Ich bin froh, dass wir es so gemacht haben. Wenn die Kinder selbstständig sind und man gleichzeitig fest im Beruf verankert ist, eröffnen sich viele Möglichkeiten.

Was gibt Ihnen Kraft?

Ich habe immer Sport betrieben – Laufen, zwischendurch auch Klettern. Am meisten Kraft haben mir aber meine Familie und unser Freundeskreis gegeben. Zudem habe ich einen wunderbaren Garten, in dem ich abschalten und mich erden kann. Mein Mann und ich sind auch immer wieder ausgegangen oder zwischendurch allein weggefahren.

Das klingt, als hätten Sie das gut im Griff gehabt.

Wir haben gewisse Prioritäten gesetzt. Und es hat funktioniert – nach 25 Jahren funktioniert die Ehe noch, und das ist nicht selbstverständlich. Natürlich musste jeder irgendwo ein bisschen zurückstecken und es gab Reibungspunkte, weil viele Sitzungen am Abend stattfanden. Früher war ich aufgrund meiner Ämter sehr oft abends unterwegs. Das war teilweise grenzwertig.

Hat sich das inzwischen verändert?

Ja. Generell besteht die Tendenz, Sitzungen nicht mehr so spät anzusetzen. Nicht nur, weil mehr Frauen in den Gremien sind – auch Männer goutieren es, wenn irgendwann Schluss ist. Früher gab es Sitzungen, die erst um 20 Uhr angefangen und bis ein Uhr nachts gedauert haben. Das gibt es heute kaum noch. Schließlich brauchen alle irgendwann Freizeit und Erholungsphasen.

Gab es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie nicht weitergekommen sind, weil Sie eine Frau sind?

Nein, eigentlich nicht. Unser Vater hat mich und meine Schwester in jedem unserer Vorhaben immer ermutigt und unterstützt, das hat uns in unserer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt und wir haben eigentlich beide unsere Ziele immer hartnäckig verfolgt und bis jetzt erreicht. 

Beruflich war für mich von vornherein klar, dass ich meinen Beruf auch mit Kindern ausüben möchte, weil mir finanzielle Freiheit immer wichtig war und mir meine Arbeit sehr gut gefällt. Das versuche ich auch meinen Töchtern zu vermitteln. Ich hoffe, dass sie beruflich selbstständig und finanziell unabhängig bleiben.

Gibt Ihnen Ihre Führungsposition auch ein Gefühl von Macht?

Mir ist wichtig, dass alle gut miteinander arbeiten können. Ich brauche nicht die Bestätigung, dass ich die Führungskraft bin. Wenn Respekt und Wertschätzung da sind, ist das für mich Bestätigung genug.

Natürlich kann ich gewisse Entscheidungen beeinflussen. Aber ich würde nie einen solitären Weg gehen. Für mich ist wichtig, dass man in einem Gremium arbeitet und dessen Rückhalt hat. Entscheidungen müssen von der Mehrheit getragen werden. Kampfabstimmungen habe ich auch schon erlebt, aber das empfinde ich als unangenehm.

Wie legen Sie Führung an?

Führung bedeutet für mich klare Vorgaben und Beteiligung. Entscheidungen sind ein Prozess und müssen von den Beteiligten mitgetragen werden. Natürlich muss man eine Strategie vorgeben, aber auch sie muss von den Menschen getragen werden, die sie umsetzen.

Und das fällt Ihnen leicht?

Ja, grundsätzlich schon. Natürlich muss ich manchmal länger über Probleme nachdenken. Aber nach einer Runde Laufen kommt mir meistens ein guter Ansatz, wie ich etwas angehen und umsetzen kann.

Welche Eigenschaften charakterisieren Sie am besten?

Ich bin vor allem positiv und optimistisch. Das ist eine Stärke von mir. Außerdem bin ich ein sehr ausgleichender Charakter, habe eine gewisse Sensibilität und eine gute Menschenkenntnis. Und zielorientiert bin ich auch.

Gibt es ein Lebensmotto, das Sie begleitet?

Ich glaube, dass jeder sein Leben selbst gestalten kann. Aber es braucht die nötige Energie und den Kopf dazu.

Wenn Sie an junge Frauen denken: Welche Botschaft möchten Sie ihnen mitgeben?

Viele zweifeln zu viel. Ich sage: „Probiere es, denn es gibt immer eine Reißleine und man kann immer zurück.“ Wenn man etwas tun möchte und nicht weiß: ja oder nein, dann sollte man es tun. Denn sonst tut es einem irgendwann leid, dass man es nicht versucht hat. Und für etwas, das einem Spaß macht, hat man auch die nötige Energie, Zuversicht und Freude.

Was macht Sie glücklich?

Wenn andere glücklich sind, wenn alles gut läuft und wenn ich sehe, dass ich etwas bewirken kann. Gerade hier im Seniorenwohnheim ist das etwas ganz Schönes. Ich sehe viele kleine Erfolge, auch wenn nicht alles von heute auf morgen geht.

Vielen Dank für das Gespräch!