Ganz im Sinne des namengebenden Erzengels Raphael steht das Blindenzentrum St. Raphael seit Jahrzehnten für die Unterstützung blinder Menschen in allen Lebenslagen. Präsident Nikolaus Fischnaller blickt auf die Entstehungsgeschichte und die Entwicklung des Hauses zurück. Er macht deutlich, wie sehr sich die Lebensrealität blinder Menschen im Laufe der Zeit verändert hat: „Bis in die 1960er-Jahre lebten blinde Menschen in Südtirol isoliert und waren kaum in die Arbeitswelt integriert“, erinnert sich Fischnaller. Erst die Selbsthilfeorganisation Blindenapostolat Südtirol habe damit begonnen, Betroffene zusammenzubringen sowie Treffpunkte und Beratung zu organisieren. Daraus entstand schließlich die Idee eines eigenen Zentrums inklusive Werkstätte. „Meine Schwester, Marie Fischnaller-Pircher, begann als Pionierin, die Gruppe aufzubauen – mit dem Ziel, ein Blindenzentrum mit Werkstatt zu realisieren“, so der Präsident des Blindenzentrums.
Der Weg dorthin war jedoch schwierig: „Es war ein Kampf um dieses Projekt, denn in Italien sollten damals Integration und Inklusion gefördert werden. Ein Ghetto für Blinde wollte man auf keinen Fall“, so Fischnaller. Erst durch die Stiftung eines Grundstücks durch Prälat Heppberger konnte das Vorhaben umgesetzt werden. 1980 wurde das Blindenzentrum eröffnet – als Treffpunkt, Werkstatt und Wohnheim.
Seit damals hat sich das Zentrum laufend weiterentwickelt und an neue Anforderungen angepasst. Früher arbeiteten beispielsweise 22 Menschen in der Werkstatt. Heute sind es nur mehr vier oder fünf, da alle anderen in die Arbeitswelt integriert sind und einer Arbeit nachgehen.
Kompetenzzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen
Heute versteht sich das Blindenzentrum als umfassende Anlaufstelle mit einem breiten Angebot: von pädagogischer Hausfrühförderung über Schulberatung sowie Mobilitäts- und Hilfsmittelberatung bis hin zu einem mobilen Beratungsdienst. Ziel ist es, Menschen mit Sehbeeinträchtigung möglichst früh zu fördern und ihnen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Fischnaller betont: „Wir haben eine Lehrerin, die Schulberatung macht und Integrationslehrern zur Seite steht. Natürlich ist das wenig für rund 100 Schülerinnen und Schüler zwischen der ersten Klasse Volksschule und der Universität.“
Frühförderung, Schulberatung, Rehabilitation, Mobilitätsberatung und mobiler Beratungsdienst: Alles ist darauf ausgerichtet, dass Neuerblindete möglichst früh begleitet und gefördert werden. Damit das Lernen besser gelingt, arbeiten auch blinde Menschen mit, denn so lernen Neuerblindete schnell, dass Lachen und ein sinnvolles Leben möglich sind.
Auch die Integration in den Arbeitsmarkt ist ein wichtiges Anliegen des Zentrums: „Wir haben im Moment zwei Jugendliche angestellt, halbtägig für sechs Monate. Danach erhalten sie den Titel ‚Telefonist‘ und haben damit die Voraussetzung, einer Arbeit zugewiesen zu werden.“ Doch Inklusion bleibt eine Daueraufgabe: „Man muss immer auch für die Schwächeren mitdenken“, hebt Fischnaller hervor.
Damit zeigt sich das Blindenzentrum in all seiner Vielseitigkeit: „Das Blindenzentrum ist Sitz und ein Zuhause für blinde Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht daheim leben können. Im Grunde fasst der Begriff Kompetenzzentrum es gut zusammen. Wir sind Kompetenzzentrum für blinde oder sehbehinderte Menschen und Ansprechpartner für alle, die Blinden begegnen und Beratung brauchen. Es ist Wohnort, Treffpunkt und Ausbildungsstätte zugleich“, fasst es Fischnaller zusammen.
Neben Beratung und Betreuung spielen auch Freizeit und Gemeinschaft eine große Rolle: „Wir haben Kleinbusse, organisieren Tandemfahrten sowie Weiterbildungen wie Computer- oder Telefonkurse. Bei uns hat auch die Blinden- und Sehbehindertensportgruppe BSSG ihren Sitz“, so Fischnaller weiter. Dabei seien Freiwillige unverzichtbar: „Die Freiwilligen sind ganz wichtig für uns. Wir sind sehr dankbar für sie, weil soziale Aspekte eine große Rolle spielen. So freuen wir uns auch über Gäste, die hier ihren Urlaub verbringen, denn Gemeinschaft ist sehr wichtig.“
Junge Menschen sensbilisieren
Ein besonderes Anliegen ist Fischnaller auch die Sensibilisierung junger Menschen:
„Das ist ein bisschen mein Hobby. Es kommen Schulklassen zu uns zu den sogenannten Begegnungsstunden. In diesen Momenten der Selbsterfahrung lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Alltag blinder Menschen kennen – etwa im Dunkelparcours oder bei praktischen Übungen.“
Trotz vieler Fortschritte gibt es weiterhin Herausforderungen im Alltag blinder Menschen. Er sieht Verbesserungsbedarf in Südtirol bei Infrastruktur und Barrierefreiheit, weil zum Beispiel taktile Leitlinien, Ampeln oder Busansagen nicht immer einwandfrei funktionieren. Ansonsten wünscht er sich mehr Offenheit im Umgang miteinander, beispielsweise bei einem Aufeinandertreffen am Bahnhof: „Die erste Begegnung ist immer, sich hörbar zu machen, sich ein bisschen spüren zu lassen.“ Wichtig sei es ihm zufolge, blinden Menschen Hilfe anzubieten, ohne sie aufzudrängen: „Genau aus solchen Begegnungen entstehen oft wertvolle Momente“, sagt Fischnaller aus Erfahrung und ergänzt: „Blinde Menschen sind wie alle Menschen – mit verschiedenen Talenten, Träumen und Interessen. Man darf andererseits nicht beleidigt sein, wenn jemand sagt: Ich komme schon zu recht“, schmunzelt er.
Die Zusammenarbeit mit dem Raiffeisenverband Südtirol ist für das Blindenzentrum ein wichtiger Rückhalt: „Der Raiffeisenverband übernimmt für uns Dienste wie die Lohnbuchhaltung und andere Aufgaben, bei denen es Fachwissen oder Vertretung gegenüber der Politik braucht. Da haben wir eine gute Unterstützung.“
Mit Blick in die Zukunft stehen organisatorische Weiterentwicklungen im Fokus: „Wir werden in Kürze einen Verwaltungsleiter haben. Das ist für uns wichtig. Dann können wir wieder ein bisschen weiterdenken.“


