Raiffeisen Nachrichten: Besonders in landwirtschaftlichen Gremien sind meist Männer vertreten. Wie sind Sie zum Engagement beim Südtiroler Rinderzuchtverband gekommen?
Barbara Tötsch: Das war reiner Zufall. 1994 organisierte der Fleckviehzuchtverband in Kampill eine Ausstellung zur Bestandserhebung von Pustertaler Sprinzen. Ich habe Fotos gesehen und die Rinder haben mich sofort fasziniert. Bis dahin wusste ich nicht, dass es so schöne bunte Lokalrassen gibt. Und da habe ich beschlossen: Falls ich einmal eine Kuh halte, wird es so eine sein. Dann habe ich mich mit den alten Nutztierrassen eingehend befasst und erkannt, dass ich etwas zu ihrer Erhaltung beitragen kann.
Engagieren Sie sich deshalb im Gremium?
Richtig, in den Verwaltungsrat des Rinderzuchtverbandes bin ich über die Pustertaler Sprinzen gekommen. Durch die Fusion zwischen Rinderzuchtverband und dem Fleckviehverband hat auch diese Rasse eine Stimme im Gremium bekommen. Die großen Rassen sind mit drei und die kleinen, wie die Pustertaler Sprinzen, mit einer Stimme im Gremium vertreten. Uns wurde ein Verwaltungsratssitz angeboten und da von meinen Kollegen niemand annehmen wollte, habe ich die Gelegenheit genutzt und bin heute froh darüber.
Was gefällt Ihnen an der Arbeit im Gremium?
Es eröffnet neue Wege für die Rasse und man erhält Einblick, bleibt informiert über künftige Entwicklungen und kann mitreden und ein wenig lenken. Damit die Landwirtschaft weiter bestehen bleibt, muss man die Weichen stellen und das mache ich gerne.
Was bedeutet Führung für Sie?
Das Schwierige ist, dass man entscheiden muss, was für die anderen das Beste ist (lacht) und dazu muss man mit den Menschen reden. Deshalb bin ich auch bei den meisten Versteigerungen persönlich dabei, höre zu und erfahre, was gut oder nicht so gut funktioniert, was die Menschen gerne hätten oder sich wünschen und bei utopischen Wünschen muss man halt erklären, warum das nicht geht.
Wie bringen Sie sich im Gremium ein?
Zu Beginn musste ich schauen, wie alles funktioniert, heute vertrete ich die Anliegen jener, die mich gewählt haben. In der Genossenschaft ist es wie in einer Familie, man muss schauen, dass sich alle gut fühlen, dass alle die gleichen Möglichkeiten und Voraussetzungen haben und zufrieden sein können.
Da ich selbst Betriebsleiterin bin und die Arbeit am Hof kenne, werde ich von den anderen Verwaltungsratsmitgliedern respektiert: ich füttere selbst, betreibe selbst Herdenmanagement und vermarkte selbst. Ich kann aus persönlicher Erfahrung mitreden und muss nicht zuerst jemanden fragen.
Und wie erleben Sie Ihre Rolle als Frau im Gremium?
In unserem Vorstand gibt es keinen Unterschied. Ich hatte nie das Gefühl, weniger Gewicht zu haben, nur weil ich eine Frau bin. Die Kompetenz zählt. Und die habe ich vor allem im Bereich Pustertaler Sprinzen. Ich kenne diese Rasse wohl so gut wie kaum jemand.
In ganz Südtirol?
Vielleicht sogar in ganz Europa, glaube ich – denn ich kannte die Züchter der ersten Generation noch alle persönlich, ich habe auch die meisten Kühe noch selbst gesehen, die heute die Grundlage des Bestands bilden. Die Gespräche mit den alten Züchtern sind die Basis von meinem Wissen. Das kann man nicht aus Büchern lernen.
Was fasziniert Sie an dieser Rasse?
Faszinierend für mich ist, dass diese Rasse über hunderte Jahre in Südtirol gelebt hat. Von gezielter Zucht kann man damals noch nicht sprechen, denn früher ließ man der Natur ihren Lauf und die besten Tiere wurden behalten. So hat sich ein Rinderstamm entwickelt, der nahezu perfekt ist für diese Gegend. Und ich möchte verhindern, dass diese Rasse verschwindet.
Was zeichnet die Pustertaler Sprinzen aus?
Die Pustertaler Sprinzen sind den Menschen gegenüber normalerweise sehr freundlich. Die Herde ist wie eine Familie, aber wenn ein fremdes Tier dazukommt, wird das rigoros vertrieben. Sie sind sehr robust und daher braucht es kaum tierärztliche Behandlungen, allenfalls für die Besamung, wenn kein eigener Stier vorhanden ist. Bei uns sind die Tiere das ganze Jahr über draußen, und der einzige Ausscheidungsgrund ist am ehesten ein Beckenbruch, wenn ein Tier stürzt oder an den steilen Hängen ausrutscht.
Was fällt Ihnen persönlich besonders leicht?
Eigentlich fällt mir vieles leicht. Nur Streit mag ich nicht besonders, vor allem wenn ich genau weiß, dass ich recht habe und der andere partout nicht nachgeben will. Mache ich aber auch, wenn es um die Anliegen der Mitglieder geht, die mich gewählt haben. Am liebsten wäre es mir, wenn ich allein mit Argumenten überzeugen kann.
Gibt es etwas, das Sie als Herausforderung empfinden?
Für mich ist alles, was ansteht, eine Herausforderung. Aber ich packe Dinge gerne an. Ich habe ein großartiges Team um mich und wir finden Lösungen.
Was war bisher die größte Herausforderung in Ihrem Leben?
Das war die Geburt meiner Tochter mit einem sehr seltenen Gendefekt, unerkannt in der Schwangerschaft. Nach der Geburt wurde mir gesagt, sie wird vermutlich nie sitzen können. Und heute kann sie gehen. Das ist jetzt 28 Jahre her und war wohl die größte Herausforderung und auch Leistung, denn da habe ich mich in Bezug auf die Behandlungsmethoden teilweise gegen ärztlichen Rat entschieden. Der Erfolg gibt mir Sicherheit. Wenn ich von etwas überzeugt bin, probiere ich so lange, bis ich einen Weg zur Umsetzung finde.
Folgen Sie einem bestimmten Lebensmotto?
Zufrieden sein.
Wie haben Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemeistert?
Ich bin Jahrgang 68, die Kinder sind in den Jahren 1998 und 2000 geboren und ich bin erst seit sechs Jahren im Vorstand, das heißt, die Kinder waren schon groß und damit war das Problem gelöst. Selbst wenn man die Kinder in guter Obhut weiß, wenn ein Anruf kommt, dass ein Kind gefallen ist oder Fieber hat...etc. lässt man alles liegen und geht, denn die Hormone zwingen einen dazu. Alle, die selbst Kinder haben, wissen das. Das liegt in der Natur. Und die Natur kann man nicht ändern.
Sobald die Kinder größer sind und sich die Prioritäten ändern können sich Frauen in Gremien einbringen, dann geht das besser. Frauen, die Ambitionen haben und sich das anders organisieren, sollte man tun lassen und unterstützen.
Sind Sie jemand der Frauen bewusst unterstützt?
Mir ist es egal, welches Geschlecht jemand hat. Mir ist es wichtig, dass jemand Verstand und Weitsicht hat und Dinge verknüpfen kann, egal ob männlich oder weiblich. Wenn es darum ginge, einen Nachfolger für mich zu finden, werde ich nach demselben Prinzip vorgehen, wenn ich den Eindruck habe, dass diese Person am besten geeignet ist, werde ich sie vorschlagen, unabhängig vom Geschlecht.
Was macht Sie glücklich?
Glücklich macht mich, dass ich noch lebe und auf das zurückblicken kann, was ich erreicht habe. Alles, was Sie hier sehen, ist mein Glück. Meine Familie, die Kinder und dass ich mir kleine Wünsche erfüllen kann, ohne jemanden fragen zu müssen. Das macht mich schon sehr glücklich.
Beispiel?
Wenn ich heute ein Auto brauchen würde, könnte ich mir einen Mittelklassewagen einfach kaufen.
Was würden Sie einer Frau raten, die überlegt, sich für ein Gremium aufstellen zu lassen?
Sie soll es auf alle Fälle versuchen, vor allem, wenn sie schon mit der Idee spielt, denn die Idee ist immer der erste Schritt zur Verwirklichung. Wenn es hingegen aufgedrängt wird, ist das eine andere Sachlage. Aber auf jeden Fall rate ich: Probieren.
Wenn Sie sich in drei Begriffen beschreiben müssten?
Ich bin ein unglaublich bequemer Mensch, weltoffen und tolerant.
Und wenn Sie jetzt einen Wunsch frei hätten?
Ich würde mir tatsächlich Frieden auf der Welt wünschen.
Vielen Dank für das Gespräch!





