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Gloria Dolliana: „Es ist wichtig, sich selbst ins Spiel zu bringen.“ 

Gloria Dolliana ist seit 2023 Verwaltungsrätin der Sozialgenossenschaft HandiCar. Als Mitgliederbetreuerin im Segment Soziales & Non Profit hatte sie bereits durch ihre Arbeit beim Raiffeisenverband Kontakt zu dieser Genossenschaft. Dann wurde sie in den Verwaltungsrat gewählt. Wie sie sich einbringt und was ihr bei diesem Engagement wichtig ist, erzählt sie im Interview. 

Gloria Dolliana: Als 2023 Wahlen anstanden, hat mich der damalige Obmann Werner Schwienbacher gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, zu kandidieren. Nach interner Abklärung habe ich mich zur Wahl gestellt. Ich wurde gewählt und war tatsächlich die erste Frau im Verwaltungsrat. Ein Jahr später kam nach dem Ausscheiden des damaligen Obmanns Irene Mahlknecht hinzu, was eine neue Dynamik in das Gremium brachte. 2026 stehen erneut Wahlen an, und ich werde mich auch dann wieder der Wahl stellen. 

Raiffeisen Nachrichten: Wie würden Sie die Arbeit im Gremium beschreiben? 
Alle im Gremium verfügen über bestimmte Kernkompetenzen, die sie einbringen. Ich bin für Öffentlichkeitsarbeit und Networking zuständig. Auch Sensibilisierungsarbeit gehört zu meinen Aufgaben. Durch meine Erfahrung im Raiffeisenverband kann ich Inputs geben. Außerdem merke ich, dass ich als Frau oft eine ausgleichende Funktion bei verhärteten Fronten einnehme – ich sehe mich als Brückenbauerin. 

Wie war es für Sie als erste Frau im Verwaltungsrat? 
Ich wurde von Anfang an akzeptiert. Insgesamt habe ich eine Veränderung im Sprachgebrauch bemerkt. 

Welche Projekte verfolgt der Verwaltungsrat derzeit? 
Sozialgenossenschaften sind Unternehmen, und es ist wichtig, dass sie wirtschaftlich stabil aufgestellt sind – auch wenn wechselnde Fördersysteme und öffentliche Ausschreibungen das nicht immer leicht machen. Der personelle Wechsel nach den letzten Wahlen hat viel neuen Schwung gebracht, war aber auch ein sehr intensives Jahr, besonders für den Geschäftsführer. 

Wir setzen gezielt auf Dienstleistungen mit Alleinstellungsmerkmal, etwa den Umbau, Verleih und die Fahrschule für Spezialfahrzeuge sowie die Reparatur von Reha-Hilfsmitteln, die es in dieser Form nur bei uns gibt. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Aufgabe, Politik und Öffentlichkeit für das Thema Mobilität zu sensibilisieren. Mobilität bedeutet für Menschen mit Einschränkungen Freiheit, Selbstbestimmung und echte Teilhabe am Leben. 

Gab es in dieser ersten Zeit etwas, das Sie als herausfordernd erlebt haben? 
Wir hatten zu Beginn kein positives Geschäftsjahr. Aber durch die gute Führung des Obmanns und des Geschäftsführers konnte innerhalb von eineinhalb Jahren eine stabile Basis aufgebaut werden. Gleichzeitig ist es uns gelungen, die Bedeutung der Sozialgenossenschaft gegenüber der Politik noch klarer zu festigen und die zukünftige Unterstützung unserer Dienste zu sichern – ein Erfolg, den wir bei der diesjährigen Weihnachtsfeier auch gefeiert haben. 

Was fällt Ihnen besonders leicht – oder gelingt Ihnen besonders gut? 
Reden (lacht). Netzwerken gehört sicher zu meinen Stärken. Ich bin weder Juristin noch Arbeitsrechtlerin oder Steuerberaterin, kann aber auf ein großes internes und externes Netzwerk zurückgreifen und weiß, wen ich für was kontaktieren kann. Zusammenarbeit, Team und Netzwerk sind sicherlich meine größten Stärken. 

Welche drei Eigenschaften beschreiben Sie als Persönlichkeit am besten? 
Kohärent, neugierig und offen. 

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass das Frausein Ihrer Karriere im Wege stand? 
Ich hatte immer das Glück, Vorgesetzte zu haben, die mich sehr gefördert haben und mir die Freiheit gaben, mich weiterzuentwickeln. Natürlich geht es auch darum, diese Möglichkeiten wahrzunehmen und ins kalte Wasser zu springen. Ich war auch in größeren Gremien oft die einzige Frau, habe mich aber immer ernst genommen und wertgeschätzt gefühlt. 

Wie gehen Sie mit Herausforderungen um? 
Ich nehme Herausforderungen gern an, auch wenn es manchmal ein paar schlaflose Nächte kostet. Ich probiere Neues aus, lerne dazu und entscheide dann, ob ich weitermache. So habe ich auch die Arbeit im Gremium begonnen – inzwischen bin ich gut eingearbeitet und es macht mir Spaß. 

Und was sagen Sie anderen Frauen, die sich überlegen, sich in einem Führungsgremium zu engagieren? 
Auf jeden Fall: ausprobieren – vorausgesetzt, man interessiert sich für die Thematik. Leidenschaft für den Inhalt ist wichtig. Es ist eine wertvolle Erfahrung: Man erhält neue Perspektiven, kann mitgestalten und Entscheidungen mittragen. Frauen bringen oft andere Sichtweisen ein, einfach durch ihre Lebenserfahrungen. Wichtig ist, sich selbst ins Spiel zu bringen und nicht in der letzten Reihe zu sitzen. 

Haben Sie ein Vorbild? 
Menschen wie meine Oma, die harte Lebensumstände gemeistert haben, oder Frauen, die in Krisengebieten alles managen. Meistens sind es die Frauen, die Familie, Kinder und alles am Laufen halten – diese Frauen sind für mich Vorbilder. Wir leben oft in einer „Einhornwelt“ und vergessen, wie gut es uns wirklich geht. 

Konnten Sie seit Beginn Ihrer Karriere Änderungen in der Wahrnehmung von Frauen in der Wirtschaft feststellen? 
Ja, im sozialen Bereich beispielsweise zählten wir Ende 2024 58 Prozent Frauen in Verwaltungsräten – ein hoher Anteil im Vergleich zu anderen Branchen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass junge Frauen heute selbstbewusster auftreten, vielleicht auch, weil sie mehr weibliche Vorbilder in Führungspositionen sehen. Als ich jung war, war dies noch die Ausnahme. 

Was bedeutet Führung für Sie? 
Führung bedeutet für mich, Wissen weiterzugeben und die Menschen um mich herum in ihrer Entwicklung zu unterstützen – auf Augenhöhe, unabhängig von der Position. Es geht um Respekt und nicht darum, die eigene Machtposition auszuspielen. 

Was bedeutet Macht für Sie? 
Für mich ist Macht Verantwortung. Ich stelle viele Fragen, um Dinge besser zu verstehen. Dadurch wird im Verwaltungsrat heute vielleicht mehr diskutiert. 

Wo finden Sie Ausgleich? 
In den Bergen – im Sommer wie im Winter beim Skifahren, Klettern oder Wandern. Ich reise auch gerne und interessiere mich für fremde Kulturen. Meine kleinen Nichten zeigen mir zudem eine andere Sichtweise auf das Leben. Sie haben bereits in jungen Jahren hohe Ambitionen und ein beeindruckendes Selbstbewusstsein – ich bin überzeugt, dass die nachfolgenden Generationen die Stellung der Frauen weiter verändern werden. 

Haben Sie abschließend noch einen Wunsch? 
Mein großer Wunsch ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Noch immer gibt es viele Bereiche, wo dies nicht möglich ist. Wir haben auch 2026 noch viel zu tun. 

Vielen Dank für das Gespräch!