KI in Seniorenwohnheimen: „Technologie soll unterstützen, niemals Menschen ersetzen“

Sensoren, die Stürze erkennen, intelligente Matratzen, die Bewohner*innen automatisch umlagern, oder KI-gestützte Pflegedokumentation: Digitale Assistenzsysteme eröffnen auch in der Betreuung älterer Menschen neue Möglichkeiten. Anlässlich des Internationalen Tages der Senior*innen am 1. Oktober zeigen Martina Ladurner, Präsidentin des Verbandes der Seniorenwohnheime Südtirols, und Innovationsverantwortliche des Verbandes Rita Obkircher auf, wo Technologie bereits heute entlastet – und wo ihre Grenzen liegen.

Wer bei Künstlicher Intelligenz in der Pflege an menschenähnliche Pflegeroboter denkt, liegt zumindest im Moment noch daneben. In den Südtiroler Seniorenwohnheimen kommen derzeit digitale Assistenzsysteme zum Einsatz, die im Hintergrund arbeiten, wie etwa Sensoren, die erkennen, wenn Bewohner*innen stürzen oder nach einem Toilettengang nachts ungewöhnlich lange nicht ins Bett zurückkehren. Daneben unterstützen intelligente Matratzen bei der Umlagerung oder Exoskelette entlasten die Pflegekräfte bei körperlich belastenden Tätigkeiten. Für Martina Ladurner, Präsidentin des Verbandes der Seniorenwohnheime Südtirols, bieten diese Assistenzsysteme auch für die Heimbewohner*innen große Vorteile: „Denn wenn Schlafende nicht halbstündlich vom Personal umgelagert werden müssen und lange tief schlafen können, weil die intelligente Matratze die Umlagerung übernimmt, ist das gesundheitsfördernd für die Klient*innen und entlastet Pflegekräfte gerade während der Nachtdienste.“ 

Großes Entwicklungspotenzial sieht Rita Obkircher, die Innovationsbeauftragte des Verbandes, im Bereich der Dokumentation: “Im Moment werden noch viele Informationen händisch erfasst und eingegeben, obwohl unterschiedliche Systeme bereits Daten liefern. Die Verknüpfung dieser Informationen mit der Pflegedokumentation könnte Fachkräften viel Zeit ersparen.” Das Ziel ist klar: Wenn technische Systeme administrative und repetitive Aufgaben übernehmen oder vereinfachen, bleibt den Mitarbeiter*innen mehr Zeit für die direkte Pflege und Betreuung. 

Auch in der Betreuung zu Hause eröffnen sich neue Möglichkeiten. Ursula Thaler, Obfrau der Sozialgenossenschaft Humanitas24, sieht insbesondere bei punktuellen Hilfestellungen Potenzial: „Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren KI und Technik mehr und mehr in der Betreuung zu Hause einsetzen können. Erste Ansätze dazu gibt es schon, etwa bei der regelmäßigen automatisierten Überwachung bestimmter Vitalzeichen oder von sturzgefährdeten Personen.“ Bereits heute gebe es Systeme, die bei einem Sturz selbstständig Hilfe holen können, ohne dass die betroffene Person aktiv werden muss. 

Den Arbeitsalltag erleichtern würden auch Spracherkennungs- und integrierte Übersetzungstools, meint Obkircher und verweist auf die Personalsituation in einzelnen Südtiroler Seniorenwohnheimen: „In manchen Teams werden 14 verschiedene Muttersprachen gesprochen. Eine Dokumentation, die allen Mitarbeitenden in ihrer eigenen Sprache zugänglich ist, kann deshalb wesentlich zur Pflegequalität beitragen“, betont Obkircher.

Technik dort einsetzen, wo sie einen Mehrwert bringt 

Nicht jede technische Lösung ist für jede Betreuungssituation geeignet. Ladurner und Obkircher sprechen sich deshalb gegen einen pauschalen Einsatz aus. Entscheidend müsse der konkrete Nutzen für den einzelnen Menschen sein. Gleichzeitig müssten Mitarbeiter*innen frühzeitig eingebunden und im Umgang mit neuen Systemen begleitet werden. „Die Technologie soll die Mitarbeitenden unterstützen, aber nicht überfordern“, sagt Obkircher. 

Datenschutz, fehlende Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen und die Finanzierung stellen die Seniorenwohnheime derzeit vor besonderen Herausforderungen. Es brauche geeignete Rahmenbedingungen, damit sinnvolle technische Lösungen eingesetzt und miteinander verknüpft werden können.

Bei aller Offenheit für Innovation ziehen Ladurner und Obkircher eine klare Grenze: „KI kann Empathie und menschliche Berührung nicht ersetzen“. Gerade angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels werde es jedoch notwendig sein, die Möglichkeiten der Technologie gezielt zu nutzen. Nicht um Menschen einzusparen, sondern um die vorhandenen Mitarbeiter*innen dort einzusetzen, wo sie am meisten gebraucht werden: beim Menschen. „Technologie und Innovation können Mittel zur Unterstützung sein, aber niemals Ersatz für den Menschen“, unterstreicht Ladurner. Auch Entscheidungen und die Bewertung von KI-generierten Ergebnissen müssten weiterhin beim Menschen liegen. 

KI und Ethik im Sozialbereich

Welche Chancen Künstliche Intelligenz für soziale Organisationen bietet und welche ethischen Fragen ihr Einsatz aufwirft, steht auch beim Tag der Sozialgenossenschaften des Raiffeisenverbandes Südtirol im Mittelpunkt.

Die Veranstaltung für Mitglieder findet am Mittwoch, 14. Oktober 2026, ab 9 Uhr bei der KonvertoAG, Bruno-Buozzi-Straße 8 in Bozen Süd, statt.

Unter dem Leitthema „KI und Ethik im Sozialbereich“ werden Chancen und Herausforderungen Künstlicher Intelligenz im sozialen Kontext beleuchtet.

 

3 Fragen an Martina Ladurner

Frau Ladurner, kann Künstliche Intelligenz angesichts des Fachkräftemangels tatsächlich dazu beitragen, die Pflege in Südtirol langfristig abzusichern? 

Ja, sie kann einen wichtigen Beitrag leisten. Wir wissen, dass künftig weniger Mitarbeiter*innen eine wachsende Zahl älterer Menschen betreuen werden. Gleichzeitig werden auch unsere Mitarbeiter*innen älter. Deshalb müssen wir Technologie dort nutzen, wo sie unsere Teams tatsächlich entlastet und gleichzeitig die Lebensqualität der Bewohner*innen verbessert. Es geht nicht darum, Technologie, um der Technologie willen einzusetzen. Wenn uns Systeme aber zeitliche oder körperliche Ressourcen sparen, können diese wieder den Bewohner*innen zugutekommen. Genau darin liegt für mich die große Chance. 

Wo liegt für Sie die Grenze: Welche Aufgaben dürfen Technik und KI übernehmen – und was muss immer Aufgabe des Menschen bleiben? 

Martina Ladurner: Technologie und Innovation sind für uns Mittel zum Zweck. Sie sollen unterstützen, aber niemals den Menschen ersetzen. Zwischenmenschliche Beziehung, Empathie und menschliche Berührung sind durch keine KI, keinen Roboter und keine Sensorik ersetzbar. Unser Ausgangspunkt bei der Bewertung neuer Technologien sind deshalb immer die Heimbewohner*innen und die Frage: Bringt dieses System einen konkreten Mehrwert für ihre Lebensqualität? 

Was braucht es von Politik und öffentlichen Entscheidungsträgern, damit sinnvolle technische Innovationen in Südtirols Seniorenwohnheimen schneller eingesetzt werden können? 

Martina Ladurner: Die technologische Entwicklung ist rasant und wir müssen bei den Rahmenbedingungen Schritt halten. Wenn ein System einen echten Mehrwert für die Bewohner*innen bringt, muss auch die Finanzierung entsprechend angepasst werden. Wir brauchen Investitionsmöglichkeiten, die schneller auf neue Entwicklungen reagieren. Gleichzeitig müssen rechtliche Fragen und der Datenschutz so geklärt werden, dass sinnvolle Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen möglich werden. Sonst haben wir viele gute Einzellösungen, können deren Potenzial aber nicht vollständig nutzen.

3 Fragen an Rita Obkircher:

Frau Obkircher, welche digitalen Assistenzsysteme werden in Südtirols Seniorenwohnheimen bereits konkret eingesetzt – und was bringen sie? 

Der Einsatz ist von Heim zu Heim unterschiedlich und vieles befindet sich noch in Pilotphasen. Wir haben beispielsweise Sensorik zur Sturzerkennung, intelligente Betten und Matratzen zur Unterstützung bei der Umlagerung sowie vereinzelt Exoskelette zur körperlichen Entlastung der Mitarbeiter*innen. Sensoren können in der Nacht etwa erkennen, wenn jemand gestürzt ist oder nach dem Gang zur Toilette nicht wie gewohnt ins Bett zurückkehrt. Die Fachkraft kann dann gezielt reagieren. Das schafft Sicherheit für die Bewohner*innen und entlastet gleichzeitig die Mitarbeiter*innen. 

Wo sehen Sie derzeit das größte noch ungenutzte Potenzial von KI in der Pflege? 

Ganz klar in der Pflegedokumentation. Wir erheben bereits viele Daten über unterschiedliche Systeme, müssen aber noch vieles händisch übertragen. Wenn diese Daten automatisch in einer Pflegedokumentation zusammengeführt werden könnten, wäre das eine enorme Entlastung. Besonders wichtig wären für uns auch Spracherkennung und integrierte Übersetzungsmodule. In manchen Teams werden 14 verschiedene Muttersprachen gesprochen. Wenn jede und jeder einen Pflegebericht in der eigenen Sprache verstehen könnte, würde das nicht nur Zeit sparen, sondern auch die Qualität und Sicherheit der Pflege erhöhen. 

Sensoren sammeln Daten, KI erkennt Muster und Systeme geben Hinweise. Wer trifft am Ende die Entscheidung? 

Immer der Mensch. Sensorik, Robotik und KI dürfen nicht pauschal eingesetzt werden. Wir müssen bei jeder Bewohnerin und jedem Bewohner individuell schauen, was gebraucht wird und welches System sinnvoll ist. Die Technik kann Informationen liefern und uns bei Entscheidungen unterstützen, aber die Auswertung und die Entscheidung müssen beim Menschen bleiben. Genauso wenig können diese Systeme die zwischenmenschliche Beziehung, Empathie oder Berührung ersetzen. Sie sollen Pflegende unterstützen, damit ihnen mehr Zeit für genau diese menschlichen Aufgaben bleibt.