Wer bei Künstlicher Intelligenz in der Pflege an menschenähnliche Pflegeroboter denkt, liegt zumindest im Moment noch daneben. In den Südtiroler Seniorenwohnheimen kommen derzeit digitale Assistenzsysteme zum Einsatz, die im Hintergrund arbeiten, wie etwa Sensoren, die erkennen, wenn Bewohner*innen stürzen oder nach einem Toilettengang nachts ungewöhnlich lange nicht ins Bett zurückkehren. Daneben unterstützen intelligente Matratzen bei der Umlagerung oder Exoskelette entlasten die Pflegekräfte bei körperlich belastenden Tätigkeiten. Für Martina Ladurner, Präsidentin des Verbandes der Seniorenwohnheime Südtirols, bieten diese Assistenzsysteme auch für die Heimbewohner*innen große Vorteile: „Denn wenn Schlafende nicht halbstündlich vom Personal umgelagert werden müssen und lange tief schlafen können, weil die intelligente Matratze die Umlagerung übernimmt, ist das gesundheitsfördernd für die Klient*innen und entlastet Pflegekräfte gerade während der Nachtdienste.“
Großes Entwicklungspotenzial sieht Rita Obkircher, die Innovationsbeauftragte des Verbandes, im Bereich der Dokumentation: “Im Moment werden noch viele Informationen händisch erfasst und eingegeben, obwohl unterschiedliche Systeme bereits Daten liefern. Die Verknüpfung dieser Informationen mit der Pflegedokumentation könnte Fachkräften viel Zeit ersparen.” Das Ziel ist klar: Wenn technische Systeme administrative und repetitive Aufgaben übernehmen oder vereinfachen, bleibt den Mitarbeiter*innen mehr Zeit für die direkte Pflege und Betreuung.
Auch in der Betreuung zu Hause eröffnen sich neue Möglichkeiten. Ursula Thaler, Obfrau der Sozialgenossenschaft Humanitas24, sieht insbesondere bei punktuellen Hilfestellungen Potenzial: „Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren KI und Technik mehr und mehr in der Betreuung zu Hause einsetzen können. Erste Ansätze dazu gibt es schon, etwa bei der regelmäßigen automatisierten Überwachung bestimmter Vitalzeichen oder von sturzgefährdeten Personen.“ Bereits heute gebe es Systeme, die bei einem Sturz selbstständig Hilfe holen können, ohne dass die betroffene Person aktiv werden muss.
Den Arbeitsalltag erleichtern würden auch Spracherkennungs- und integrierte Übersetzungstools, meint Obkircher und verweist auf die Personalsituation in einzelnen Südtiroler Seniorenwohnheimen: „In manchen Teams werden 14 verschiedene Muttersprachen gesprochen. Eine Dokumentation, die allen Mitarbeitenden in ihrer eigenen Sprache zugänglich ist, kann deshalb wesentlich zur Pflegequalität beitragen“, betont Obkircher.
Technik dort einsetzen, wo sie einen Mehrwert bringt
Nicht jede technische Lösung ist für jede Betreuungssituation geeignet. Ladurner und Obkircher sprechen sich deshalb gegen einen pauschalen Einsatz aus. Entscheidend müsse der konkrete Nutzen für den einzelnen Menschen sein. Gleichzeitig müssten Mitarbeiter*innen frühzeitig eingebunden und im Umgang mit neuen Systemen begleitet werden. „Die Technologie soll die Mitarbeitenden unterstützen, aber nicht überfordern“, sagt Obkircher.
Datenschutz, fehlende Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen und die Finanzierung stellen die Seniorenwohnheime derzeit vor besonderen Herausforderungen. Es brauche geeignete Rahmenbedingungen, damit sinnvolle technische Lösungen eingesetzt und miteinander verknüpft werden können.
Bei aller Offenheit für Innovation ziehen Ladurner und Obkircher eine klare Grenze: „KI kann Empathie und menschliche Berührung nicht ersetzen“. Gerade angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels werde es jedoch notwendig sein, die Möglichkeiten der Technologie gezielt zu nutzen. Nicht um Menschen einzusparen, sondern um die vorhandenen Mitarbeiter*innen dort einzusetzen, wo sie am meisten gebraucht werden: beim Menschen. „Technologie und Innovation können Mittel zur Unterstützung sein, aber niemals Ersatz für den Menschen“, unterstreicht Ladurner. Auch Entscheidungen und die Bewertung von KI-generierten Ergebnissen müssten weiterhin beim Menschen liegen.
KI und Ethik im Sozialbereich Welche Chancen Künstliche Intelligenz für soziale Organisationen bietet und welche ethischen Fragen ihr Einsatz aufwirft, steht auch beim Tag der Sozialgenossenschaften des Raiffeisenverbandes Südtirol im Mittelpunkt. Die Veranstaltung für Mitglieder findet am Mittwoch, 14. Oktober 2026, ab 9 Uhr bei der KonvertoAG, Bruno-Buozzi-Straße 8 in Bozen Süd, statt. Unter dem Leitthema „KI und Ethik im Sozialbereich“ werden Chancen und Herausforderungen Künstlicher Intelligenz im sozialen Kontext beleuchtet. |


