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Villa Carolina Meran: „Frauen spielten hier schon immer eine wichtige Rolle.“

Das Seniorenheim der Sozialgenossenschaft Villa Carolina Pro Senectute in Meran-Obermais wird von Präsidentin Verena Kirchmaier und Direktorin Renate Haller geleitet. Im Interview sprechen sie über weibliche Führung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie über aktuelle Herausforderungen in der Pflege.

Raiffeisen Nachrichten: Frau Kirchmaier, wie kam es dazu, dass Sie die Führung der Sozialgenossenschaft übernommen haben?
Kirchmaier: Mein Großvater mütterlicherseits war Mitglied des Verwaltungsrats der Sozialgenossenschaft, und mein Vater war fast 20 Jahre lang Präsident. Ich selbst bin mit der Villa Carolina aufgewachsen. Nach über 15 Jahren als Mitglied und zehn Jahren als Verwaltungsrätin wurde ich unter meinem Vorgänger Michael Klotzner Vizepräsidentin. Eine Frau in dieser Rolle war ihm wichtig. Bei der letzten Wahl folgte ich ihm als Präsidentin. Im Verwaltungsrat sind Männer und Frauen gleich stark vertreten.

Wie erleben Sie Ihre Führungsrolle?
Kirchmaier: Sehr positiv. Ich bin in ein großartiges Team eingebettet, das mit viel Erfahrung und Engagement arbeitet. Für mich ist diese ehrenamtliche Tätigkeit als Präsidentin mehr wert als jede Fortbildung – ich lerne enorm viel. Ich habe Wirtschaft studiert und kann hier das Gelernte und meine Fähigkeiten einbringen. Viele soziale Aspekte kommen zudem aus dem Alltag im Pflegeheim hinzu. Es ist spannend zu sehen, was hinter diesem „selbstverständlichen“ Ablauf steckt – in einem doch sehr komplexen Betrieb.

Frau Haller, mit welchen Herausforderungen ist die Genossenschaft aktuell konfrontiert?
Haller: Der Spagat zwischen sozialem Anspruch und wirtschaftlicher Realität ist unsere größte Herausforderung. Wir treffen viele Entscheidungen mit dem Fokus auf die Menschen, die hier wohnen oder arbeiten. So kommt beispielsweise einmal wöchentlich eine Psychologin ins Haus – das funktioniert, solange wir es finanzieren können.
Kirchmaier: Diese Nähe zum Menschen unterscheidet uns von anderen Betrieben.

Ist diese Nähe zum Menschen typisch weiblich?
Haller:
Ich glaube, das liegt daran, dass Frauen traditionell häufiger Pflegeaufgaben übernehmen und dadurch ein besonderes Verständnis für solche Themen entwickeln. Wenn Männer künftig mehr Betreuungsverantwortung übernehmen, könnte sich das ändern. Wenn ich etwa mit dem Auto an einen Zebrastreifen fahre, bin ich oft ungeduldig, weiß aber, dass ein älterer Mensch, der über die Straße geht, einfach länger braucht – nicht, weil er nicht will, sondern weil er nicht kann. Ich glaube nicht, dass Frauen per se sensibler sind, sondern dass ihre gesellschaftliche Rolle diese Sensibilität mitbringt.
Kirchmaier: Frauen erleben auch biologisch gesehen immer wieder Wandel und Neuorientierung. Das führt dazu, dass sie sich ständig neu definieren müssen – und das prägt wiederum die Sensibilität. Glücklicherweise sind wir Frauen heute nicht mehr dem einen Rollenbild unterworfen. Ich beobachte allerdings, dass teilweise immer noch die Akzeptanz für unterschiedlich gewählte Lebensmodelle fehlt.

Frau Kirchmaier, wie gelingt Ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Kirchmaier: Mal besser, mal schlechter. (lacht) Ich habe das Glück, flexibel arbeiten zu können. Jede Frau – egal ob in der Pflege, in der Verwaltung oder in einer Führungsposition – steht vor ähnlichen Herausforderungen. Wichtig wären mehr Flexibilität und gesellschaftliche Akzeptanz individueller Entscheidungen, ob jemand viel arbeiten oder sich stärker der Familie widmen möchte. Und sicher ist: Wer mehr verdient, hat auch andere Möglichkeiten, Kinder betreuen zu lassen.

Wie unterstützt die Genossenschaft Villa Carolina die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Haller: Darauf legen wir großen Wert. Unsere Dienste müssen rund um die Uhr abgedeckt sein, dennoch bieten wir flexible Modelle, sogenannte Wunschtage, und eine freie Urlaubsplanung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich untereinander abstimmen – es macht keinen Sinn, wenn ich den Urlaub einfach vorgebe. Auch ein Wunschturnus ist unter Umständen möglich.
Andere Faktoren, die nicht nur unsere Sozialgenossenschaft betreffen, kommen hinzu – etwa gesellschaftliche Veränderungen. Mit den Wertevorstellungen meiner Generation – arbeiten, auf eigenen Füßen stehen, etwas erreichen – kann man heute kaum noch punkten. Freizeit zählt heute mehr als früher, und das müssen wir respektieren. Gleichzeitig dürfen darunter die Bewohnerinnen und Bewohner nicht leiden.

Kirchmaier: Wer gerne arbeitet, braucht vor allem gute Rahmenbedingungen und genügend Kolleginnen und Kollegen, um entlastet zu werden. Es geht nicht immer nur um Freizeit. Menschen werden älter und pflegebedürftiger und brauchen mehr Zuwendung. Wenn ich diesen Beruf mit Leidenschaft ausübe, muss ich am Ende des Tages das Gefühl haben, dass die Menschen im Heim gut versorgt sind – das ist schwierig, wenn alle überlastet sind.
Im Moment ist das sicher eine der größten Herausforderungen, der wir uns als Gesellschaft stellen müssen. Es gibt kein allgemeingültiges Modell: Es hängt immer von den persönlichen Umständen ab – sind Großeltern verfügbar, gibt es zusätzliche Verpflichtungen wie pflegebedürftige Eltern? Insofern kann die Turnusarbeit sogar ein Vorteil sein, weil wir verschiedene Modelle anbieten – Nachtdienste, Vormittags- oder Nachmittagsdienste. Andererseits besteht auch der Druck, dass immer jemand da sein muss.

Frau Haller, wie schwierig ist es, Personal zu finden?
Haller: Fachkräfte zu finden wird immer schwieriger. Wir bemühen uns, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gerne bleiben. Es geht darum, sie zu halten – das hängt stark von Arbeitsumfeld und Teamstruktur ab. Wer gerne arbeitet, wirkt positiv auf die gesamte Atmosphäre im Betrieb. Langfristig wird die demografische Entwicklung neue Lösungen erfordern. Im Moment stehen wir noch gut da.

Kirchmaier: Wir konkurrieren auch mit Tourismusbetrieben, die oft besser bezahlen können – etwa im Küchen- oder Reinigungsbereich. Hier ist auch die Politik gefordert, soziale Berufe stärker zu fördern. Es ist wichtig, darüber zu sprechen, denn soziale Betriebe werden oft nicht wahrgenommen. Doch am Ende zählt das soziale Miteinander, das unsere Gesellschaft ausmacht. Bleiben wir zuversichtlich – die Nachfrage nach Heimplätzen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, und kleine Strukturen wie unsere gewinnen weiter an Bedeutung.

Im sozialen Bereich arbeiten vor allem Frauen, die Führungsebene ist jedoch nicht immer weiblich besetzt – wie in der Villa Carolina. Ist Frauenförderung ein Thema für Sie?
Kirchmaier: Ich finde es wichtig, diesem Thema Sichtbarkeit zu geben. Deshalb habe ich auch diesem Interview zugestimmt.

Was halten Sie von der Quote?
Kirchmaier:
Als die Quote eingeführt wurde, war das Thema negativ behaftet – „Ja, weil sie eine Frau ist, müssen wir sie dazunehmen.“ Doch die Quote hat genau diese Tür geöffnet. Mittlerweile ist es selbstverständlich, dass Frauen in führenden Positionen mitarbeiten, auch wenn es in anderen Branchen noch Aufholpotenzial gibt. Aber der Weg geht in die richtige Richtung.
Die frühere Obfrau der Raiffeisenkasse Welschnofen, Frau Wurz, sagte im Rahmen einer Frauenveranstaltung, dass sie sich nie wohlgefühlt habe in ihrer Rolle als Quotenfrau – aber andererseits sei sie dank der Quote in ihre Position gekommen. Ich kenne auch Wirtschaftsberaterinnen und Juristinnen, die dank der Quote in mehreren Gesellschaftsgremien tätig sind. Die Quote war notwendig, um die Tür zu öffnen. Jetzt – so mein Eindruck – ist sie geöffnet.

Haller: Mir persönlich hat die Quote nie gefallen. Ich bin in einer Familie mit drei Buben und drei Mädchen aufgewachsen – und wir Geschwister wurden immer gleichbehandelt. Ich war viele Jahre in der Metallindustrie tätig, einem sehr männerdominierten Bereich. Ich möchte nicht abstreiten, dass man als Frau vielleicht mehr leisten musste, aber dass ich wegen meines Frauseins Schwierigkeiten hatte, würde ich nicht unterschreiben. Es zählte in erster Linie die Leistung, entscheidend war, dass man sich auf die Person verlassen konnte. Als dann die Quote kam, war das für mich fast befremdlich. Heute denke ich, dass es sie in bestimmten Bereichen noch braucht – teilweise aber auch, um mehr Männer in Gremien zu bringen.

Frau Kirchmaier, war Frausein jemals ein Hindernis in Ihrem Leben?
Kirchmaier:
Ja, ich durfte weder Ministrantin sein noch bei der Musikkapelle mitspielen. Das empfand ich als Kind als große Ungerechtigkeit und habe es bis heute nicht verstanden. Ansonsten habe ich es als Freiheit empfunden, ein Mädchen zu sein. Mein Vater sagt auch heute noch: Ein Bub hätte es mit ihm sicher nicht leicht gehabt, da es damals selbstverständlich war, dass ein Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt. Ich hatte diese Fußstapfen vor mir, habe aber einen anderen Weg gewählt – weil ich diese Freiheit hatte. Insofern war es ein Vorteil, als Mädchen geboren zu sein.

Was bedeutet Macht für Sie?
Kirchmaier: Dieser Begriff ist für mich sehr negativ behaftet. Ich würde ihn nicht mit meiner Arbeit im Gremium in Verbindung bringen.

Folgen Sie einem Lebensmotto?
Kirchmaier: Ich bewege mich gerne in familiären Strukturen. Zusammenhalt, Gemeinschaftssinn und füreinander da zu sein, sind für mich die wichtigsten Werte. Deshalb fühle ich mich in einer Genossenschaft wohl. Kraft schöpfe ich in der Natur.

Haller: Für mich steht Vielfalt im Mittelpunkt – die Welt ist bunt, und das gefällt mir. Ich bin Familienmensch und finde es schön, wenn sich unsere Bewohnerinnen und Bewohner hier zu Hause fühlen. Wir achten darauf, dass sie sich hier nicht als Nummer, sondern als Teil einer Gemeinschaft erleben. Wir sehen jeden Menschen im Kontext seiner Familie.

Vielen Dank für das Gespräch!