Raiffeisen Nachrichten: Wie ist es zu Ihrem Engagement im Verwaltungsrat der Südtiroler Qualitätskontrolle gekommen?
Eva Siller: Unsere Genossenschaft Melany ist Mitglied der Fruttunion, einem Zusammenschluss von Südtiroler Obstgroßhändlern. Fruttunion ist wiederum Mitglied der Südtiroler Qualitätskontrolle. Mein Vater war dort lange im Verwaltungsrat. Nach seinem Ausscheiden wurde ich vorgeschlagen und anschließend gewählt. Da habe ich gesagt: Das versuche ich.
Und wie geht es Ihnen im Gremium?
Gut. Ich schätze den Austausch und die angenehme Stimmung zwischen dem Geschäftsführer, den Verwaltungsratsmitgliedern und dem Präsidenten. Man lernt viel und kann neue Menschen kennenlernen.
Sie bringen viel Wissen und Erfahrungen im Ausland mit...
Ja (lacht). Bereits mit 16 Jahren, noch während der Oberschule am Humanistischen Gymnasium, verbrachte ich ein Jahr in Bournemouth im Süden Englands. Meinen Bachelor habe ich in Bozen gemacht. Im Rahmen meines Studiums war ich dann in Chiang Mai, Thailand und in Göttingen. Thailand mit seiner anderen Kultur, der tropischen Landwirtschaft und dem anderen Zugang zur Landwirtschaft war für mich ebenso spannend wie Göttingen: weg von Äpfeln und Wein, hin zu Getreide, Gemüse und Ackerbau.
Bei den Auslandsaufenthalten sind mir die erlernten Sprachen zugutegekommen. Nach dem Studium arbeitete ich ein Jahr lang in Portugal als Freiwillige auf verschiedenen biologisch bewirtschafteten Höfen, um Praxiserfahrung zu sammeln. Danach arbeitete ich in Spanien bei Rewe, einer deutschen Supermarktkette, wo ich für die Marken Ja! Natürlich und Rewe Bio zuständig war. Anschließend arbeitete ich zwei weitere Jahre für Rewe in Verona. Überall habe ich viel gelernt, viele unterschiedliche Betriebe besucht und gesehen, wie es in Großkonzernen abläuft. Jetzt, zurück in Südtirol, habe ich meine Dimension gefunden, denn die Welt der Großkonzerne war nicht so meine Welt.
Was schätzen Sie hier in Südtirol besonders?
Familie, Freunde, die Umgebung, die Landschaft – Dinge, die man anderswo nicht hat. Oder Dinge, die man erst schätzt, wenn man wieder zu Hause ist, wie das Trinkwasser, das hier überall selbstverständlich verfügbar ist.
Als ich nach Südtirol zurückkam, habe ich meinen Partner kennengelernt und beschlossen, in den Betrieb zu Hause einzusteigen. Bald werden wir zum zweiten Mal Eltern. Von meinen bisherigen Erfahrungen profitiere ich heute sehr.
Landwirtschaft ist in Südtirol nach wie vor eher männerdominiert. Wie geht es Ihnen damit?
Das stimmt. Für viele ist es immer noch ungewohnt, Frauen in bestimmten Tätigkeiten oder Positionen zu sehen. Dennoch tut sich etwas, und es gibt immer mehr Frauen, die Traktor fahren, Produktionsabteilungen leiten oder sich in Gremien von Genossenschaften engagieren. Auch an landwirtschaftlichen Oberschulen gibt es immer mehr Absolventinnen.
Dabei geht es auch um Sichtbarkeit. Ein Thema, das mich bereits im Zuge meiner Masterarbeit beschäftigt hat. Frauen bewirtschaften Höfe, sind um fünf Uhr morgens im Stall, betreuen Kinder und versorgen pflegebedürftige Eltern oder Schwiegereltern. Hofbesitzer ist jedoch meist der Mann, obwohl ohne die Arbeit der Frauen viele Höfe gar nicht überleben könnten. Deshalb ist es wichtig, die Arbeit der Frauen sichtbar zu machen. Je größer ihre Sichtbarkeit ist, desto eher gewöhnt man sich daran, Frauen in bestimmten Rollen zu sehen. Das gibt Frauen automatisch mehr Mut.
Bei der Südtiroler Qualitätskontrolle beispielsweise führen viele Frauen Betriebskontrollen durch und besuchen Höfe. Früher war das vielleicht ungewohnt, inzwischen ist es kein Thema mehr. Auch wenn es wohl noch etwas dauern wird, bis Frauen auf dem Traktor und als Hofbetreiberinnen als ganz selbstverständlich wahrgenommen werden.
Für Sie war das nie ein Problem?
Eigentlich nicht. Wir sind zu Hause drei Mädchen, daher war es bei uns nie ein Thema, dass ich etwas nicht tun könnte, nur weil ich ein Mädchen bin. Auch als ich bei der Vollversammlung der Südtiroler Qualitätskontrolle die einzige Frau im Raum war, habe ich mir nur gedacht: Gut, dass ich da bin, damit wenigstens eine Frau hier ist.
Es ist wichtig, dass Frauen präsent sind. Wir sind schließlich die Hälfte der Bevölkerung und sollten bei allen Themen mitreden. Frauen können andere Perspektiven einbringen. Je gemischter ein Team ist, desto besser. Bei der Südtiroler Qualitätskontrolle beispielsweise arbeiten sehr motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und es ist kein Unterschied zwischen Männern und Frauen spürbar.
Und wie bringen Sie sich im Gremium ein?
Wir treffen uns zu Sitzungen, gehen die Tagesordnungspunkte durch, diskutieren und stimmen anschließend ab. Ich bringe mich mit meiner Erfahrung ein, nicht nur als Frau.
Wie erleben Sie die Bedeutung des Frauseins für Ihren Erfolg?
Das war für mich nie ein Thema. Entscheidend waren eher die Schritte, die ich gemacht habe, und meine Ausbildungen. Interessant war für mich zu sehen, dass es für manche Männer in Süditalien oder Südspanien ungewohnt war, wenn ich als Frau zu ihnen gekommen bin, um mit ihnen die Saisonplanung zu machen. Sie haben gedacht, da kommt jetzt noch jemand, der mich begleitet (lacht).
Mir persönlich ist das Frausein beruflich nie im Weg gestanden, es hat mir aber auch nie geholfen.
Und wie gelingt Ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Das ist auch für mich ein großes Thema. Wir haben uns schon gefragt, wie ich meine Rollen als Unternehmerin, Verwaltungsrätin und Mutter vereinbaren kann. Wobei ich betonen möchte, dass die Sitzungen dieses Verwaltungsrats zu gut gelegenen Zeiten stattfinden, also nicht zu spät. Das kann für eine Frau mit einem kleinen Baby entscheidend sein. Denn wenn die Sitzungen erst um halb neun am Abend stattfinden, ist es schwieriger, dabei sein zu können.
Wer nicht teilnehmen kann, kann auch nicht mitreden und mitentscheiden. Für mich stellt sich deshalb die Frage: Will man Frauen mit ins Boot holen und ihnen die Vereinbarkeit erleichtern, dann sollte man auch die Sitzungszeiten anpassen, die Vollversammlungen haben wir beispielsweise vormittags.
Ansonsten bekomme ich große Unterstützung von den Großeltern und innerbetrieblich von den Mitarbeitenden im Team.
Und was empfinden Sie als große Herausforderung?
Allen Rollen gerecht zu werden und alles unter einen Hut zu bekommen – als Mama, Partnerin, Freundin, Unternehmerin und Tochter. Seit ich Familie habe, bin ich beruflich etwas pragmatischer geworden. Das war ein großer Lernprozess, denn ich kann nicht alles machen.
Man kann sich Hilfe holen, um zu klären, wie Vereinbarkeit für einen persönlich aussehen kann. Sehr geholfen hat mir auch der Austausch mit anderen Frauen meiner Generation und zu sehen, wie sie sich organisieren. Bei meinen Eltern war die Rollenverteilung noch ganz anders.
Noch immer wird es anders wahrgenommen, wenn eine Frau bald nach der Geburt wieder arbeiten geht, als wenn ein Mann das tut.
Vernetzung hilft zudem, und auch die Unterstützung des Partners und der Familie ist besonders wertvoll für mich. Mein Mann hat einen sehr anspruchsvollen Job in Bozen, doch er hat zurückgeschraubt und arbeitet einen Tag in der Woche weniger, um mehr bei der Familie zu sein. Er unterstützt mich auch beruflich bei bestimmten Themen. Die Herausforderung ist oft zu verstehen, was für die eigene Situation am besten passt.
Und wie gehen Sie mit Herausforderungen um?
Ich hole mir Hilfe und nehme Unterstützung an. Es ist ein Prozess, denn Dinge, die vor fünf Jahren noch eine Herausforderung für mich waren, sind heute keine mehr, weil ich gelernt habe, damit umzugehen.
Früher habe ich gedacht, ich müsse alles sofort können. Heute frage ich um Rat und tausche mich mit Menschen aus, die mehr Erfahrung haben. Ich hatte in Südtirol manchmal das Gefühl, dass gezögert wird, um Rat oder Hilfe zu fragen, anstatt gegenseitig von Erfahrungen zu profitieren. Bei der Qualitätskontrolle finde ich es großartig, dass verschiedene Genossenschaften zusammenarbeiten – nicht als Gegner, sondern um gemeinsam weiterzukommen.
Was bedeutet Führung für Sie?
Dass man einen guten Überblick hat, koordiniert und das Team gut einbindet. Gleichzeitig muss man klare Entscheidungen treffen und Grenzen setzen. Das musste ich auch erst lernen.
Führung heißt für mich, gemeinsam voranzugehen und Führung so zu gestalten, dass sich alle weiterentwickeln können. Ich kann mich nicht überall am besten auskennen, und das ist auch nicht nötig. Auch das habe ich gelernt.
Was gibt Ihnen die Führungsposition persönlich, Stichwort Macht?
Hm … Gestaltungsspielraum. Das schätze ich heute besonders. In einem Großkonzern ist das schwieriger. Es ist schön, ein Unternehmen zu führen und mit den getroffenen Entscheidungen viel Positives bewirken zu können. Diese Möglichkeit hat man in anderen Berufen vielleicht nicht in demselben Maße.
Gibt es Menschen, die Sie inspirieren?
Meine Eltern haben mir viel vorgelebt: Meine Mama ist ein richtiger Familienmensch und mein Papa leidenschaftlicher Unternehmer. Deswegen habe ich beides als positiv erlebt.
Ich erlebe auch viele junge Frauen und sehe, wie sie Familie und Beruf vereinbaren. Daran orientiere ich mich und frage mich: Was kann ich von ihnen lernen?
Wir Frauen machen zum Teil andere Erfahrungen, und schon deshalb ist es wichtig, dass wir diese Perspektiven in alle gesellschaftlichen Bereiche einbringen. Je breiter die Perspektiven, desto besser ist es für das gesamte Gremium. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Aber ich bin in unserem Gremium eben immer noch die einzige Frau.
Wo finden Sie Ausgleich zur Arbeit?
In der Familie und bei Freunden. Ansonsten bin ich gerne draußen, wenn ich kann. Daher schätze ich es auch, dass ich bei meiner Arbeit immer wieder ein bisschen draußen unterwegs bin.
Ich lerne seit ein paar Jahren Klavier und bin gerne kreativ, das wird im Moment etwas vernachlässigt. Ich freue mich auch darauf, nach der Schwangerschaft wieder Sport zu machen. Bewegung ist für mich immer ein Ausgleich. Sie hilft mir, den Kopf freizubekommen.
Und was macht Sie glücklich, privat und beruflich?
Privat sind es meine Familie und die gemeinsamen Momente, aber auch eine schöne Zeit mit Freunden und die Natur. In den Bergen kann ich viel auftanken. Ein paar Tage auf einer Hütte tun mir sehr gut. Dort kann ich die Perspektive wechseln und gewissermaßen die Vogelperspektive einnehmen. Dann verändert sich auch der Blick auf die Probleme des Alltags.
Beruflich macht mir die Arbeit selbst Freude, besonders das Miteinander mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Schön ist es auch zu sehen, wenn alles reibungslos funktioniert und man merkt, dass die Entscheidungen im Alltag greifen. Dabei ist mir wichtig, den Weitblick nicht zu verlieren.
Und natürlich brauche ich ab und zu auch etwas Zeit für mich. Die kommt wieder.
Und wenn Sie sich in drei Eigenschaften beschreiben müssten?
Offen, sozial und optimistisch.
Abschließender Wunsch?
Falls ich einmal eine Tochter haben sollte, wünsche ich mir, dass Frauen in Führungspositionen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine besonderen Themen mehr sind. Dass all das für sie ganz normal ist und man gar nicht mehr darüber nachdenken muss.
Vielen Dank für das Gespräch!



