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Ulrike Nicolussi-Leck: „Wer Vertrauen gibt, bekommt es zurück.“

Ulrike Nicolussi-Leck ist Abteilungsleiterin Corporate Affairs und Mitglied des Führungsteams der Raiffeisen Landesbank Südtirol AG. Sie hat Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck studiert. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit ist sie Vizeobfrau der Sozialgenossenschaft EOS in Bruneck und zudem Mutter von vier Kindern.

Raiffeisen Nachrichten:Angesichts der vielen Rollen drängt sich die Frage auf: Wie bekommen Sie alles unter einen Hut?

Ulrike Nicolussi-Leck: Ich bin jemand, der gern anpackt und grundsätzlich in Chancen denkt. Meine Familie ist für mich eine Kraftquelle und gibt mir Halt. In die verschiedenen Aufgaben bin ich über die Zeit hineingewachsen, sowohl privat als auch beruflich. Auch wenn die vielen Rollen und Aufgaben mitunter anstrengend sind, bin ich dankbar für diese Vielfalt und habe den Wunsch, etwas zurückzugeben. Deshalb engagiere ich mich ehrenamtlich als Verwaltungsrätin in einer Sozialgenossenschaft, die Jugendliche betreut, die oft keine starke Stimme haben.

Wie haben Sie sich bisher im Gremium eingebracht?
Es hat etwas Zeit gebraucht, mich einzuleben, da die Arbeit einer Sozialgenossenschaft für mich neu war und ich im Brotberuf im Bereich der Finanzdienstleistungen tätig bin. Gleichzeitig ist mir dieser ehrenamtliche Einsatz ein persönliches Anliegen. Alle, die für die EOS arbeiten, leisten täglich Großartiges und begegnen emotional herausfordernden Situationen mit viel Engagement und Idealismus. Im Verwaltungsrat geht es darum, die strategischen Weichen zu stellen. Dabei ist mir bewusst geworden, wie herausfordernd mitunter das Thema Finanzierung für Sozialgenossenschaften ist, gerade im Hinblick auf nachhaltige Planung.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit im Gremium?
Wir im Verwaltungsrat sind ein gemischt zusammengesetztes Team mit Frauen und Männern sowie Aufsichtsräten aus verschiedenen Branchen. Jeder bringt seine eigene Perspektive ein, und genau das erweitert den Blick und führt in meinen Augen zu besseren Entscheidungen. Für mich geht es dabei weniger um Mann oder Frau, sondern um einen guten Mix aus Erfahrung, Kompetenz und frischen Sichtweisen.

Was haben Sie als herausfordernd erlebt beim Engagement im Gremium?
Herausfordernd war für mich zunächst zu verstehen, wie unterschiedlich die Blickwinkel zwischen dem operativen Alltag und der Arbeit im Gremium sind. Inzwischen kann ich diese Dynamiken gut einordnen. Gleichzeitig ist mir klar geworden, dass Sozialgenossenschaften soziale Verantwortung und wirtschaftliche Stabilität miteinander verbinden müssen. Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen, um auch in anspruchsvolleren Phasen handlungsfähig zu bleiben. Umso schöner ist es zu sehen, wie im Zusammenspiel zwischen unserer Geschäftsführerin und dem Verwaltungsrat mit viel Engagement Lösungen entwickelt und Innovationen angestoßen werden.

Welches war persönlich Ihre größte Herausforderung im Leben?
Eine gute Frage. Das Mamawerden hat mein Leben stark beeinflusst, mich geprägt und persönlich wachsen lassen. Beruflich gibt es ständig Herausforderungen. Schwierige Situationen sind unangenehm, solange man mittendrin steckt, aber bisher habe ich immer eine Lösung gefunden. Daraus habe ich ein Grundvertrauen entwickelt, dass sich Dinge mit Klarheit, Einsatz und Beharrlichkeit gut fügen lassen. Und manchmal gehört auch eine Portion Glück dazu.

Wie gehen Sie mit Herausforderungen um?
Ich versuche, Herausforderungen aktiv anzugehen und nicht abzuwarten. Meist hole ich mir eine zweite Meinung ein und bespreche Themen im Team oder im familiären Umfeld. Dann treffe ich eine Entscheidung. Rückblickend würde ich manches vielleicht anders machen, doch das gehört zur Lernkurve. Für mich ist es grundsätzlich besser zu entscheiden, auch wenn nicht jede Entscheidung perfekt ist, als nichts zu tun. Wichtig ist mir dabei, ausgleichend zu bleiben und nach Lösungen zu suchen, die möglichst viele Bedürfnisse berücksichtigen.

Was bedeutet Macht für Sie?
Entscheidungsmacht halte ich für wichtig, auch wenn das Wort Macht oft negativ wahrgenommen wird. Organisationen brauchen klare Entscheidungen. Die Aufgabe und auch die Kunst einer Führungskraft sehe ich darin, Stärken zu erkennen und die richtigen Menschen an die passenden Positionen zu setzen, damit sie selbst gute Entscheidungen treffen können. Ich möchte als Führungskraft nicht alles selbst entscheiden. Zu sehen, wie Menschen sich entwickeln und über sich hinauswachsen, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, ist für mich sehr erfüllend.

Wie legen Sie Führung an?
Ich würde mich als Playing Captain beschreiben. Ich bin operativ eingebunden, sehe meine Führungsrolle aber vor allem darin, Orientierung zu geben und gute Rahmenbedingungen für mein Team zu schaffen. Mir ist wichtig, Menschen mitzunehmen, sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen und guten Ideen Raum zu geben – davon gibt es im Team viele. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese aufzugreifen, nach oben einzubringen und Reibungen abzufangen, damit sich alle auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Wie organisieren Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Das ist tatsächlich ein großes Thema. Es gibt Tage, an denen Flexibilität einfach notwendig ist, etwa wenn ein Kind krank ist. Mein persönliches Rezept – und das gelingt nicht immer gleich gut – ist ein verlässliches Netzwerk aus Familie, Großeltern und Freunden, in dem man sich gegenseitig hilft.
Gleichzeitig braucht es einen Arbeitgeber, der Flexibilität ermöglicht und Vertrauen schenkt. Als die Kinder kleiner waren, haben die langen Pendelzeiten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark erschwert. Schon lange vor Covid hat mir der damalige Generaldirektor Homeoffice ermöglicht, was für mich eine große Erleichterung und ein wichtiger Vertrauensbeweis war. Dieses Vertrauen gibt man zurück. So bin ich eine klare Befürworterin flexibler Arbeitsmodelle geworden. Wer Vertrauen gibt, bekommt es zurück. Davon bin ich überzeugt.

Und was fällt Ihnen leicht?
Organisieren und Probleme lösen. Gleichzeitig bin ich gerne im Austausch mit Menschen, höre zu und unterstütze dort, wo es konkret weiterhilft. Es motiviert mich, Dinge in Bewegung zu bringen und zu sehen, wie gemeinsame Lösungen entstehen.

War Ihr Frausein im Laufe Ihres Lebens jemals ein Hindernis?
Gute Frage. Ich würde nicht sagen, dass mein Frausein grundsätzlich ein Hindernis war. Als ich ins Berufsleben eingestiegen bin, habe ich das Thema kaum wahrgenommen. Eine Veränderung habe ich später gespürt, als meine Kinder da waren. Mit dem Wiedereinstieg in Teilzeit wird man oft anders wahrgenommen, unabhängig vom Geschlecht.
Heute bemühe ich mich bewusst, auch Frauen mitzunehmen und zu fördern. Das ist mir ein Anliegen, weil ich erlebe, dass Karrieren nicht immer an fehlender Leistung scheitern, sondern an bestehenden Strukturen und Erwartungen. Dass Entscheidungsträger dabei oft Menschen fördern, die ihnen ähnlich sind, ist menschlich – und gerade deshalb halte ich es für wichtig, auch weibliche Perspektiven bewusst einzubeziehen.

Was würden Sie zu einer Frau sagen, die sich überlegt, in einem Gremium mitzuarbeiten, aber noch unsicher ist?
Ich würde ihr Mut machen und sagen: Trau dir diesen Schritt zu. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass man in ein Gremium hineinwächst und nicht von Anfang an alles wissen muss. Unterschiedliche Perspektiven sind wertvoll, und genau deshalb ist es wichtig, sich einzubringen.

Was gibt Ihnen das Gefühl, stark zu sein?
Ich weiß, dass ich Menschen an meiner Seite habe, die zu mir stehen, auch wenn es einmal rumpelt und ruckelt. Das gibt mir Halt und macht mich stark.

Wo finden Sie Ausgleich?
Ausgleich von der Arbeit finde ich vor allem bei meiner Familie. Wenn ich nach Hause komme, läuft ein lebhaftes Programm, das ich genieße. Meine Familie gibt mir Energie. Aber auch in den Bergen, zu Fuß, mit den Ski oder dem Mountainbike, sowie beim Singen im Chor, lade ich meine Batterien auf.

Was macht Sie glücklich?
Zu sehen, dass es den Menschen in meinem Umfeld gut geht.

Folgen Sie einem Lebensmotto?
Ich mag die Aussage: Sei selbst die Veränderung, die du dir von anderen wünschst. Ich glaube, dass man mit kleinen Dingen viel Positives in Bewegung setzen kann. Das ist wie bei einem Mobile: Wenn man einen Teil anstößt, beginnt das Ganze, sich zu bewegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die EOS Sozialgenossenschaft begleitet Jugendliche und junge Erwachsene auf dem Weg aus psychischen und psychiatrischen Probleme. Vorgegeben durch individuelle Problemlagen arbeiten die Mitarbeiter*innen individuell und ressourcenorientiert unter Ausschöpfung aller strukturellen Möglichkeiten, damit die Jugendlichen zu einer selbstverantwortlichen Lebensform finden, die ihren persönlichen Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten entspricht, aber gleichzeitig im Rahmen der soziokulturellen und legalen Anforderungen liegt.